Das Grauen geht weiter
Dieser «Wozzeck» ist ein Naturereignis – in doppeltem Sinne. Zum einen gilt das für die ganze Aufführung: Im Nu ist man gefangen in einer düsteren Phantasmagorie, einer dunklen Welt mystischen Leidens voll süßer Schmerzen und gruseliger Rätsel, in der Verschwisterung mittelalterlicher und neuzeitlicher, im wahrsten Sinne brand -aktueller Dystopien, die optisch an Netflix & Co. geschult sind.
Neunzig pausenlose, außerordentlich dichte Minuten lang hält einen dieses Geschehen gefangen.
Am Pult erzielt Vassilis Christopoulos als sorgfältiger Sachwalter von Alban Bergs zugleich genial gebauter und genial erfühlter Partitur mit klar ordnender Hand ein niemals gehetztes, aber doch zielstrebiges Vorwärts. Nicht jeder Ton der Grazer Philharmoniker gelingt perfekt, aber immer treffen sie den Ausdruck und haben die Instrumentalsoli Charakter. Auf die so erzielte Spannung reagiert das Premierenpublikum, indem es auch zwischen den Akten nicht zu applaudieren wagt. Da es auch in diesen Minipausen fast so schnell weitergeht wie von Szene zu Szene, erhält das Ganze eine filmische, quasi-realistische Konsequenz. Zum Naturereignis wird Evgeny Titovs Inszenierung aber auch, weil sie im ...
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Opernwelt April 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Walter Weidringer
Jean-Baptiste Lully und sein Librettist Philippe Quinault wollten mit der Erfindung der Tragédie en musique, der gesungenen Tragödie, dem klassischen Versdrama Corneilles und Racines ein Gesamtkunstwerk aus Wort und Ton, Gesang und Tanz zur Seite stellen – erstmals mit «Cadmus et Hermione» 1673, dem dann bis zu Lullys Tod 1687 Jahr für Jahr ein neues folgte....
Nicht nur Afrika ist auf der Weltkarte der klassischen Musik eine terra incognita. Es wimmelt nur so von dunklen Zonen, unzähligen Orten und Ländern, die rein gar nichts von Bedeutung hervorgebracht zu haben scheinen. Oder bestenfalls einen bekannten Namen, ein populäres Stück. Verglichen mit Australien, Japan, Nahost und Afrika hat es Südamerika noch recht gut...
Exakt 200 Jahre nach seiner Londonder Uraufführung 1724 ging Händels «Tamerlano» erstmals wieder über die Bühne – in Karlsruhe. Nun, bei der Eröffnungsinszenierung der Händelfestspiele, gibt Kobie van Rensburg den Gesamtkunstwerker: Er hat Raum und Kostüme entworfen, er inszeniert, und er kreiert mit Hilfe von KI-Programmen diverse Bildebenen.
Die Illusionswelten...
