Du edles Angesicht!
Beginnen wir mit einer persönlichen Erinnerung – einer Begebenheit, die sich vor mehr als 25 Jahren zutrug. Es war Frühling in Buenos Aires. Die Jacaranda-Bäume am Rande der belebten Plazas blühten, auf den vierspurigen Avenidas küssten sich die Stoßstangen, und in den U-Bahnen stand man so hauteng beieinander, dass es schier unmöglich war, sich nicht in irgendeiner Form zu reiben. Auch auf der Calle Florida war das nicht anders. Nur eben doch ganz anders.
Dort tanzten sie Tango, auf offener Straße, Hüfte an Hüfte, Kopf neben Kopf, Fuß über Fuß, und doch so distanziert, als seien sie Fremde in der Glut des Nachmittags. Später am Abend, in einer grauen Seitenstraße im Viertel Palermo, wurde noch deutlicher, worin die Faszination dieses Tanzes bestand. Ein Tango-Club, kaum zu entdecken, so versteckt lag der Eingang, und als sich die Tür zu dem spärlich ein -gerichteten Etablissement öffnete, fand man sich plötzlich in einer ganz eigenen Welt. Männer um die 80 glitten da an der Seite von wesentlich jüngeren Frauen übers Parkett, mit einem Stolz, einer Würde, ja, mit einer Form triumphaler Erhabenheit, die nicht nur den Altersunterschied, sondern auch jede denkbare Hierarchie binnen ...
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Opernwelt April 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Jürgen Otten
Lohnt das noch? Lohnt es sich, Dante-Gedichte zu vertonen, nachdem die Handlungsstränge seiner «Commedia» in den letzten 400 Jahren Operngeschichte von verschiedenen Komponisten bereits vielfach ausgeschmückt wurden und seine Verse doch bereits in Fleisch und Blut der Poesie jedes Landes übergegangen sind? Lucia Ronchetti, die sich in Europa bereits mit vielen...
Am Anfang war das heilige Wort, am Ende steht das losgelassene Mundwerk: Auf diese laxe Formel könnte man die 1000-jährige Entwicklung von der einstimmigen Gregorianik zur experimentellen Avantgarde der Gegenwart bringen, die das Wort zertrümmert, seine Semantik negiert und es in seine phonetischen wie akustischen Bestandteile zerlegt. Das Singen selbst wird zu...
Man kann in der Weser baden. Man kann es auch sein lassen, denn sie ist wie jedes Gewässer dieser Art unberechenbar. Lastkähne ziehen ihre Kielspur durch den Strom, der schon mehrmals vertieft wurde, die Fließgeschwindigkeit ist hoch, die Verwirbelungen werden unterschätzt. Das alles hält Nadine Lehner nicht davon ab, am Strand beim Café Sand ins Wasser zu steigen....
