Das Gewicht der Welt

Günther Groissböck, Bo Skovhus und Natalie Dessay durchwandern Schuberts Seelenlandschaften, Matthias Goerne sucht bei Schumann Zuflucht

Opernwelt - Logo

Wir stellen uns die Szene vor. Ein Mensch, einsam beschwert, in der Natur. Schwere Wolken über ihm, neben ihm, in ihm. Er weiß, die Wanderung, die er antritt, wird ihn auf eine Straße bringen, «die noch keiner ging zurück». Und so marschiert er los, ein Riesengepäck auf seiner Seele – aber auf samtenem Klangpfade. Bereits die ersten silbrig-verhangenen Töne der «Winterreise» zeigen, was für ein begnadeter Liedgestalter Gerold Huber ist, insbesondere bei Schubert. Für gewöhnlich steht an seiner Seite Christian Gerhaher.

Nun aber ist es, eine Stimmlage tiefer, sehr profund, der Bass Günther Groissböck.

Anfangs mutet dessen wohlgerundete, dunkel timbrierte Stimme noch etwas behäbig an, so als liege ein Gazeschleier auf ihr, irgendwie gestaut, überwölbt; auch die Agogik wirkt übersteuert, zu sehr gedehnt, beispielsweise in «Auf dem Flusse». Doch mit jedem weiteren Lied befreit sich Groissböck, wird sein bestechender interpretatorischer Ansatz deutlich: Der Wanderer, den er im Sinn hat, trägt – atlasgleich, ohne Atlas zu sein – das ganze Gewicht der Welt. Selbst einen «Frühlingstraum» kann er nicht unbedarft träumen. Diese Ausweglosigkeit des romantischen Individuums beschreiben ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2017
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 25
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Lichtspiele

Die Akustik. Was ist nicht alles über sie geschrieben, debattiert und disputiert worden. Fast könnte man meinen, die Halle sei wichtiger als das, was in ihr geschieht. Sagen wir es so: Die Akustik eines Raumes, auch die direkte der Elbphilharmonie, ist nur so gut wie das Orchester, das in und mit ihr spielt. Und: wie die Person, die dieses Spiel steuert. Eigentlich...

Flickenteppich

Frauen? Die Meinungen differieren in Sorotschinzi, zumindest was die gute Chiwrja Nikiforowna betrifft. Bauer Tscherewik fragt sich, warum der liebe Gott, wo es doch schon hinreichend Dreck auf Erden gebe, dazu noch das Weib geschaffen habe, Afanassi Iwanowitsch hingegen, Dorfgeistlicher mit libertinär-libidinöser Moral, vertritt die Ansicht, allein von ihr könne...

Schwache Übersetzung? Niemalen!

In Bayreuth wird 2018 «Tristan und Isolde» zum ersten Mal seit drei Jahrzehnten wieder auf Deutsch gesungen. Das können Sie nicht glauben? Sollen Sie auch nicht – für einmal wirklich «fake news»! Frei erfunden, um die Absurdität einer ganz und gar nicht erfundenen Nachricht zu verdeutlichen: Die Pariser Opéra bringt im Oktober 2017 «Don Carlos» erstmals nach 31...