Cyberspace mit Trauerflor
Alles hängt in nachtgrauer Luft. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Himmel und Erde. Was war, was ist, was wird – niemand weiß das mehr zu sagen. Kalt fließt die Zeit, ohne Ursprung, ohne Ziel. Die letzte Stunde hat offenbar schon geschlagen, die Welt taumelt ihrem Ende unrettbar entgegen, wenn im Palau de Les Arts Reina Sofía unter den Augen der Königin die Nornen am Bühnenfirmament einschweben und über Loges Feuer in der Ferne parlieren. Stoische No-Future-Madonnen, die das Antlitz hinter Silbermasken verbergen und mit dem Schlimmsten rechnen.
Doch das Unheil, von dem sie wortreich künden, hat keine greifbare Gestalt. Es wuchert in Pixelbildern, die auf mobilen Leuchtpaneelen flimmern. Das Schicksalsseil, letztes Symbol einer sinnvollen Bestimmung und Geschichte, zerfasert digital, mutiert im Verlauf des strophischen Räsonnements der drei Damen zu einer anthropomorphen Gitterstruktur, aus der Flammen züngeln: Die Apokalypse von Walhall bahnt sich auf Screens an, das Schicksal der Götter und Menschen hängt an USB-Kabeln.
Liegt es an der virtuellen Auflösung der mythisch-archaischen Vorspielepisode zu Wagners Untergangsdrama, an der Aufhebung des realen (Bühnen-)Raums im ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Warum einfach, wenn es auch schwierig geht? Nach diesem Grundsatz scheint sich die Stadt Linz bei den Planungen für ein neues Opernhaus gerichtet zu haben. Dass am Ende dennoch alles gut und die Kapitale Oberösterreichs ein attraktives Gebäude für ihr Musiktheater bekommen wird, darf man jetzt erstmals ernstlich hoffen: Im April erfolgte endlich der erste...
Als die Met 1991 John Coriglianos «The Ghosts of Versailles» herausbrachte, war jedem klar, dass die Oper zu lang ist. Aber wen interessierte das? Corigliano und sein Librettist William M. Hoffmann hatten in dem von ihnen erfundenen Genre der grand opera buffa eine mitreißende Arbeit abgeliefert, in der Mozarts und Rossinis «Figaro»-Personal auf die Gespenster...
Die bislang zum Jubiläumsjahr erschienene Händel-Literatur war von einem eklatanten Missverhältnis gekennzeichnet: Während eine ganze Schar von Autoren sich mit der mehr oder weniger blumigen Nacherzählung von Händels Leben beschäftigte, fehlte bislang ein Werk, das den akkumulierten Kenntnisstand von Händelforschung und -aufführungspraxis nutzt, um auch einem...
