Blutende Herzen, brennende Kerzen
Friedrich Nietzsche hat den stilistischen Sonderstatus von Georges Bizets «Carmen» wohl als Erster metaphorisch auf den Punkt gebracht: «Diese Musik ist heiter», schrieb er 1888, dreizehn Jahre nach der skandalumwitterten Uraufführung an der Pariser Opéra Comique, «aber nicht von einer französischen oder deutschen Heiterkeit. Ihre Heiterkeit ist afrikanisch; sie hat das Verhängnis über sich, ihr Glück ist kurz, plötzlich, ohne Pardon.
» Man muss sich nicht unbedingt ins Bewusstsein rufen, dass Nietzsche Bizets Opus hier natürlich gegen den ehemaligen geistigen Wahlverwandten Wagner in Stellung bringt, um sein feines Gespür für die neue Qualität eines Werks zu bemerken, das sich weder nach dem Pomp der Grand Opéra streckt noch die Nonchalance der Operette imitiert, das weder Tragödie noch Komödie ist, vielmehr irgendwo in einer schwer fassbaren, schillernden Zwischenzone liegt. In einer Welt, die keine Erlösung, sondern allenfalls die Macht des Schicksals kennt.
Nicht gerade die lauschigsten Voraussetzungen also für die Verabreichung von Wunschkonzertseligkeiten bzw. Zigeunerinnen-Folklore, Corrida-Flair und Ganoven-Romantik, sollte man meinen. Geht es doch um ein Stück, dessen ...
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Opernwelt Februar 2005
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Albrecht Thiemann und Boris Kehrmann
«Tristan» ist in Italien, neben dem üblichen Verdi-Donizetti-Bellini-Rossini-Repertoire, ein eher selten gespieltes Werk. In Neapel war er zuletzt 1973 zu hören – Operngänger unter fünfzig, die nicht reisen, hatten ihn also noch nie auf der Bühne gesehen. Aber selbst Heuler wie «Traviata», «Aida» oder der «Barbier von Sevilla» müssen, bei höchstens drei oder vier...
Ein Komet am Opernhimmel – und eine Laufbahn, die zu den kürzesten in der Chronik des Musiktheaters zählt. Diese Laufbahn begann sensationell mit dem allseits umjubelten Debüt als Aida der 20-jährigen Elevin am Studio des römischen Opernhauses. Das war im September 1951. Ziemlich exakt neun Jahre später bestritt dann die weltweit gefeierte Diva ihren letzten...
Was noch nie sich traf, danach trachtet ihr Sinn: Anna Viebrock, bekannt als Ausstatterin Christoph Marthalers und Jossi Wielers, führt inzwischen selbst Regie und bringt Ungewöhnliches auf die Bühne. Wie Frank Castorf des herkömmlichen Repertoires überdrüssig, vertheaterte sie erst Robert Walsers Roman «Geschwister Tanner», um nun mit einem Musiktheaterprojekt,...
