Blickgeworden

Christoph Marthalers Hamburger «Lulu» macht sprachlos, Kent Nagano schärft Bergs Partitur und präsentiert einen neuen Schluss

Opernwelt - Logo

Am Anfang die Stille. Menschentiere, keine Sensationen, weder Klang noch Dynamik, stattdessen: Erstarrung. Auch der Ort selbst, ein Laboratorium ungenutzter magischer Möglichkeiten, scheint wie verwaist. Tische, Stühle, ein Sprungbrett, Bilder und Rahmen, unbelebte Materie; hinten ein Käfig mit mehreren Vorhängen. In diese Wartehalle der Vergeblichkeit schiebt nun der Tierbändiger eine Figur nach der anderen, stellt sie in Reih und Glied zum Gruppenbild, wie Schaufensterpuppen, neun entseelte Kreaturen vor fahler Zirkuslandschaft.

Davor ein schmuckloses Podest, darauf eine Liegende in hellblauem Bademantel; wie ein verwundetes Tier wendet sie uns den Rücken zu.

Lulu (oder auch: Nellie, Mignon, Eva). Kaum eine Opernfigur ist mit Bildern beladener. Jedes Bild dieser femme fatale et fragile erreicht uns als ein bereits gedeutetes. Unendlich viel ist über sie gesagt, geschrieben, in Szene gesetzt. Nur das eine womöglich noch nie: dass sie ein Tier ist und zugleich die Gliederpuppe Olympia; mal das eine, mal das andere. Aber immer nur blickgewordenes Objekt, nie Subjekt. Diese Hamburger Lulu, so scheint es, hat kein Bewusstsein. Sie existiert nur als Vorstellung, nur im Bewusstsein der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Herber Reiz, feine Balance

Ein Kastrat, dem bisher noch nicht gehuldigt wurde?! Antonio Maria Bernacchi. In ihm fand der junge Farinelli 1727 in Bologna bei einer Art  Wettsingen seinen Meister, wie Franz Haböck in seiner Studie «Die Gesangskunst der Kastraten» berichtet. Das Ergebnis: Farinelli, obgleich bereits erfolgsverwöhnt, ging bei dem älteren Sänger, dem Begründer der späteren...

Mit den Gezeiten

Wenn’s so klingt wie hier, muss einem um Europa nicht bange sein. Freilich ist dabei weder vom Kontinent dieses Namens die Rede noch von einer Europäischen Union in Zerrüttungsgefahr, sondern von «Europa riconosciuta», Antonio Salieris Oper. Und von der Titelpartie in der Gestaltung durch Diana Damrau zur Inaugurazione des Teatro alla Scala 2004 (die DVD kam erst...

In der Endlosschleife

In unsicheren Zeiten wächst das Bedürfnis nach Halt. Nach Dingen, die man schon kennt oder zu kennen glaubt. Die neue Lust auf Wiedervorlage alter Theaterproduktionen ist nicht frei von dieser Sehnsucht. Zumal wenn es sich um Kreationen handelt, die als «ikonische» Ereignisse durch die jüngere Rezeptionsgeschichte geistern. Philip Glass und Robert Wilson haben mit...