Blickgeworden
Am Anfang die Stille. Menschentiere, keine Sensationen, weder Klang noch Dynamik, stattdessen: Erstarrung. Auch der Ort selbst, ein Laboratorium ungenutzter magischer Möglichkeiten, scheint wie verwaist. Tische, Stühle, ein Sprungbrett, Bilder und Rahmen, unbelebte Materie; hinten ein Käfig mit mehreren Vorhängen. In diese Wartehalle der Vergeblichkeit schiebt nun der Tierbändiger eine Figur nach der anderen, stellt sie in Reih und Glied zum Gruppenbild, wie Schaufensterpuppen, neun entseelte Kreaturen vor fahler Zirkuslandschaft.
Davor ein schmuckloses Podest, darauf eine Liegende in hellblauem Bademantel; wie ein verwundetes Tier wendet sie uns den Rücken zu.
Lulu (oder auch: Nellie, Mignon, Eva). Kaum eine Opernfigur ist mit Bildern beladener. Jedes Bild dieser femme fatale et fragile erreicht uns als ein bereits gedeutetes. Unendlich viel ist über sie gesagt, geschrieben, in Szene gesetzt. Nur das eine womöglich noch nie: dass sie ein Tier ist und zugleich die Gliederpuppe Olympia; mal das eine, mal das andere. Aber immer nur blickgewordenes Objekt, nie Subjekt. Diese Hamburger Lulu, so scheint es, hat kein Bewusstsein. Sie existiert nur als Vorstellung, nur im Bewusstsein der ...
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Opernwelt April 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Jürgen Otten
Wiedersehen macht Freude – vor allem bei Gästen, die nicht zu oft kommen. Unter der Intendanz von Peter Jonas inszenierte David Alden derart häufig an der Bayerischen Staatsoper, dass irgendwann kein Münchner Operngänger seine ironische Popästhetik mehr sehen konnte. Nun ist der New Yorker Regisseur ins Nationaltheater zurückgekehrt, um Gioachino Rossinis letzte...
Zart schwebt die Musik durch den Raum: «One charming night», eine der berühmtesten Arien aus «The Fairy Queen». Doch plötzlich stampft das Orchester in wilden Rockrhythmen los. Aber es zerstört Purcells Poesie nicht ganz, holt sie nur auf die Erde zurück, füllt die Körperlosigkeit mit Fleisch. Solche Wechselwirkungen gibt es oft in Helmut Oehrings 2013 in Berlin...
Das Beste kam zum Schluss. Jedenfalls für den Hörer in Block J, Reihe 2, Platz 12, oben auf der gewellten Rang-Ellipse. Ein Stück für drei Klaviere, drei Harfen und drei Schlagzeuger von Pierre Boulez, «sur Incises». Hier mischte sich zu irisierend wogenden, explosiv-delikaten Gespinsten, was zuvor – bei Mozart (Es-Dur-Quartett KV 493) zum Beispiel oder bei...
