Blickgeworden
Am Anfang die Stille. Menschentiere, keine Sensationen, weder Klang noch Dynamik, stattdessen: Erstarrung. Auch der Ort selbst, ein Laboratorium ungenutzter magischer Möglichkeiten, scheint wie verwaist. Tische, Stühle, ein Sprungbrett, Bilder und Rahmen, unbelebte Materie; hinten ein Käfig mit mehreren Vorhängen. In diese Wartehalle der Vergeblichkeit schiebt nun der Tierbändiger eine Figur nach der anderen, stellt sie in Reih und Glied zum Gruppenbild, wie Schaufensterpuppen, neun entseelte Kreaturen vor fahler Zirkuslandschaft.
Davor ein schmuckloses Podest, darauf eine Liegende in hellblauem Bademantel; wie ein verwundetes Tier wendet sie uns den Rücken zu.
Lulu (oder auch: Nellie, Mignon, Eva). Kaum eine Opernfigur ist mit Bildern beladener. Jedes Bild dieser femme fatale et fragile erreicht uns als ein bereits gedeutetes. Unendlich viel ist über sie gesagt, geschrieben, in Szene gesetzt. Nur das eine womöglich noch nie: dass sie ein Tier ist und zugleich die Gliederpuppe Olympia; mal das eine, mal das andere. Aber immer nur blickgewordenes Objekt, nie Subjekt. Diese Hamburger Lulu, so scheint es, hat kein Bewusstsein. Sie existiert nur als Vorstellung, nur im Bewusstsein der ...
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Opernwelt April 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Jürgen Otten
Es ist nur ein Blick. Aber er verändert alles, augenscheinlich, offenkundig, unausweichlich. Es ist der Blick einer jungen Frau, die das Tragische ablehnt, weil sie sich nach einer Zukunft sehnt, in der das Leben den Tod überwindet. Soeben hat dieser ihr die Mutter entrissen, und wieder war es Orest, der von den Furien Getriebene, durch Elektra Angestachelte, der...
Das Stück ist sakrosankt, unantastbar. Vollendete Vokalkunst. Und einer der tristesten Klagegesänge der Musikgeschichte. «When I am laid in earth», Didos Weltabschiedsarie, trägt den Schmerz einer ganzen Epoche in sich, ist aber zugleich von einer so ätherischen Schönheit, dass man das Leben im Jenseits fast schon wieder als wunderbar imaginieren möchte. Der Tod...
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