Beziehungszauber
Über Jesus Christus und Richard Wagner, heißt es, seien so viele Texte geschrieben worden wie sonst über keine anderen historischen Figuren. Ob das stimmt, bleibe dahingestellt. Aber als Religionsstifter eigener Art hat Wagner jedenfalls durchaus fungiert. Entsprechend polarisierend war die Rezeption zwischen Verklärung und Verteufelung von der Mitte des 19.Jahrhunderts bis heute. Auch die schier ozeanische Fülle an Literatur erhält immer wieder neue Schübe.
Wobei natürlich die (politischen) Positionen zeitbedingt wechseln: Gehörte etwa Wagner-Verehrung noch bis in die 1970er-Jahre zum Fundus der Rechten (man denke an den Sturmlauf gegen den «Jahrhundertring» von Pierre Boulez und Patrice Chéreau 1976 in Bayreuth), so dürfte es unter NPD- oder AFD-Anhängern kaum mehr passionierte Wagnerianer geben. Trotzdem dominieren nach wie vor historisch-politische und ideologiekritische Auseinandersetzungen den Diskurs: Wagner, Hitler und die Folgen, das bleibt ein unabgegoltenes Thema, bei dem Wagners manischer Antisemitismus nicht zu beschönigen ist.
Folgerichtig ist der überwiegende Teil der jüngeren Wagner-Literatur, wie auch die Bücher von Alex Ross («Die Welt nach Wagner») und Herfried ...
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Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: BUCH des Monats, Seite 33
von Gerhard R. Koch
Dafür, dass der Titel des neuen Stücks – «Die Mühle von Saint Pain» (englische Aussprache) – eher Leid und Schmerzen argwöhnen lässt, fängt es gar nicht so düster an im Theater Basel. Der Zuschauerraum bleibt erleuchtet. Und die fünf Figuren, die der Reihe nach erscheinen, führen derart sarkastisch-bissige Dialoge miteinander, dass man meinen könnte, eine Autorin...
Gioachino Rossinis «Otello» entstand 1816, zwischen den Erfolgsopern «Il barbiere di Siviglia» und «La Cenerentola». Mit der Prominenz von Verdis «Otello» (1887) kann das Stück heutzutage nicht mithalten, was einerseits in der kritischen Rezeption begründet liegt: Die differenzierte Handlung der Shakespeare-Grundlage werde bei Rossini banalisiert (der Komponist...
Am ehemaligen Stammhaus seines vor 21 Jahren verstorbenen Lehrmeisters (dessen «Ring»-Deutung er ebendort ablöst) gibt sich Stefan Herheim auf den ersten Blick als gelehriger Schüler. Denn fast gebetsmühlenartig predigte Götz Friedrich seinerzeit den Studierenden, sie mögen doch bitte bei der Konzeption ihrer Inszenierungen unbedingt die drei dramaturgischen Zeiten...
