Bayreuther Meilensteine

Götz Friedrichs «Tannhäuser» und Heiner Müllers «Tristan und Isolde» liegen endlich auf DVD vor

Opernwelt - Logo

Zum Wesen des Skandals gehört eine Halbwertzeit, die gegen null tendiert. Je größer die Aufregung, je lauter das Gebrüll, desto schneller ist die Querele verflogen. Oft kann man sich schon wenige Tage nach den Tumulten nicht mal mehr genau an den Casus Belli erinnern. Plötzlich gilt die soeben noch heftig befehdete Sache als hip, man jubiliert, gibt sich mit dem Zeitgeist auf Du und will von Schmäh nichts mehr wissen. So war es immer. Bayreuth bildet da keine Ausnahme.
Der prominenteste Nachkriegsskandalfall: Götz Friedrichs «Tannhäuser»-Inszenierung von 1972.

Besonders die Chorbilder, etwa die «lederbemantelten» Mannen Hermanns im ersten Akt, hatten Alt-Wagnerianer und konservative Politiker in Wallung versetzt. Man drohte gar mit Subventionsstopp. «Offenbar» hatten die Anhänger des Landgrafen «Assoziationen an Gestapo- und Sicherheitsdienst-Leute» hervorgerufen, mutmaßt Wolfgang Wagner in seinen 1994 veröffentlichten Memoiren («Lebens-Akte»). Als die Choristen zum Schluss-Tableau auch noch in proloverdächtigen Kutten antraten, schrien die Traditionalisten erst recht zetermordio. Ein Ost-Berliner Regisseur, so das Verdikt der Gralshüter, schicke eine rote Arbeiterkampfgruppe vor, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2008
Rubrik: DVDs, Seite 64
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Alles Narren

Das 12. Opernfestival Gut Immling stand unter dem Motto «Belcantozauber» – und fand in neuem, leuchtend blauem Gewand statt: Mit Sponsorengeldern wurden Wände und Dach der Theaterscheune isoliert und gestrichen. So ist der Raum zu jeder Jahreszeit wohltemperiert, bei Regen prasselt es weniger laut als bisher. «Nun kann man auch Pianissimo spielen», schwärmt...

Glanz und Grenzen des Wagner-Gesangs

Das Gefühl, dass früher alles besser war, entspringt in der Regel eher dem Unbehagen an der unübersichtlichen Gegenwart oder dem Willen zu nostalgischer Verklä­rung als überprüfbaren Fakten. Vergleicht man das Niveau des Wagner-Gesangs heute mit dem der Vorkriegs- und ersten Nachkriegsjahrzehnte, kann man gleichwohl ins Grübeln kommen. Der Daland, Landgraf oder...

Am Scheideweg

Das Rossini-Festival, das seit 1989 alljährlich im Schwarzwaldkurort Bad Wildbad stattfindet, hat sich in den zwanzig Jahren seines Bestehens zu einem Geheimtipp unter Belcanto-Liebhabern gemausert und kann, jedenfalls in musikalischer Hinsicht, durchaus mit den größeren Festspielen in Rossinis Geburtsort Pesaro mithalten. Zwar lassen die örtlichen Gegebenheiten –...