Balanceakt
In den Festzelten füllen sich die Plastikbecher mit Kaltgetränken, die Luft ist warm, der Himmel blau, die Laune leicht. Das Thema aber ist schwergewichtig: Im Schatten der steilen Sandstein-Silhouette von Dom und Severikirche wird Verdis selten gespielte Kreuzzugs-Oper «I lombardi» gezeigt. Eine goldene Welle schwingt sich elegant über den Fuß der Freitreppe, eine stilisierte Wüstendüne, auf der sich Lombarden und Muselmanen lieben und bekriegen.
Vor jedem Akt wird das Publikum per Durchsage über die Handlung informiert und darf sich ansonsten den ebenso ästhetischen wie symbolstarken Bildern hingeben. Unterschriften in Neonbuchstaben ersetzen schlagworthaft die Übertitelanlage: MORD. HASS. FRIEDEN.
Da das Libretto ohnehin jedem sprunghaft bis abstrus erscheinen muss, der nicht zuvor Tommaso Grossis Epos studiert hat, ist das keine schlechte Idee, und die wesentliche Botschaft vermittelt sich durchaus. Wenn nach der großen Schlachtszene im vierten Akt Christen und Muslime ohne ihre Kreuze und Halbmonde wiederauferstehen, die Bühne mit Fackeln in der Hand in ein aufgeklärtes Licht tauchen und zwei überlebensgroße primitive Holzfiguren Versöhnung signalisieren, versteht jeder, dass ...
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Opernwelt September/Oktober 2012
Rubrik: Panorama, Seite 57
von Wiebke Roloff
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