Baden wie in den Fünfzigern
In einem von der Pariser Opéra Comique vorab verbreiteten Interview begründet der sympathisch enthusiastische Raphaël Pichon seine Wahl der dritten Fassung von «Hippolyte et Aricie», die 1757, ein Vierteljahrhundert nach der überbordend reichen Erstfassung auf die Bühne kam, mit deren meisterlicher Kohärenz. Sie sei die Version «la plus ramassée, la plus directe, la plus forte». In der Tat strich Rameau den gut 25 Minuten dauernden Götter-Prolog und kürzte die korrespondierende pastorale Idylle des 5. Aktes deutlich.
Aber auch in die hochdramatische Handlung griff er ein, indem er den ersten Éclat, den Botenbericht des Arcas vom (vermeintlichen) Tod des Thésée am Ende des 1. Aktes strich und das für die Entwicklung der Intrige so wichtige Faktum in einem kurzen Rezitativ der Phèdre im 3. Akt noch rechtzeitig nachtrug. Ebenso fiel die erste Hälfte des 5. Akts mit dem letzten Auftritt des Thésée weg – verzichtbar, weil Phèdre in ihrem großen, erschütternden Monolog am Ende des 4. Aktes das allgemeine Desaster und seine Auflösung durch ihr Schuldbekenntnis schon offenbar gemacht hatte. Das alles ist seit 2006 in der von Sylvie Bouissou verantworteten Edition der Fassung von 1757 in ...
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Opernwelt Februar 2022
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 25
von Klaus Heinrich Kohrs
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