Außerordentlich inspiriert

Zum 80. von Robert Wilson und Ruggero Raimondi und zum 70. von Christoph Marthaler

Opernwelt - Logo

Robert Wilson

Damals, im Sommer 1976, geschah der Musiktheater-Umsturz: Robert Wilson, 34-jähriger Texaner, präsentierte in Old Europe eine Kreation mit dem rätselhaft absurden Titel «Einstein on the Beach», die Minimal Music dazu lieferte der Amerikaner Philip Glass. Das Stück hatte von Avignon aus Furore gemacht, mit Gastspielen in einigen Theatermetropolen.

Staunen machte schon, dass die Zuschauer der rund fünfstündigen, pausenlosen Aufführung nicht auf ihren Theaterplätzen ausharren mussten, sondern nach draußen durften, um «Einstein» je nach Belieben neu, vielleicht erfrischt, zu begegnen – John Cages Freiheitsdevise eingedenk: «I welcome whatever happens next».

Alle Parameter neu und streng vermessen, und der abstrakte Handlungsraum als Bühne, auf der die Personen, Objekte und Farben, alle Bewegungsmuster, quasi mechanisch mit den Endlos-Klangschleifen der Musik von Phil Glass und der Choreografie von Lucinda Childs sich verschmelzen konnten. Der Schock ging vor allem vom Tempo der Aufführung aus – einer extremen, systematischen, durchaus quälenden Langsamkeit der assoziativen Bildformationen, Gesten. Nichts ist psychologisiert, alles verschlüsselt in poetischen oder ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2021
Rubrik: Jubilare, Seite 80
von Wolfgang Schreiber, Markus Thiel, Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Lichtgestalten

«Fiat Lux» lautete das Thema des Festival della Valle d'Itria 2021, es bezieht sich auf die Genesis I,3, in der Gott das Licht erschuf, um das Universum aus der Dunkelheit zu befreien. Nach einem fürwahr finsteren Jahr, in dem fast alle Festivals abgesagt worden waren, ermutigte dieser «Aufruf» zu einem nachgerade euphorischen Wiedersehen mit dem Leben und der...

Seiner Zeit immer ein wenig voraus

Als Graham Vick zum Ritter geschlagen wurde, fortan also «Sir» Graham hieß, war dies die Anerkennung einer außergewöhnlichen und staunenswerten Reise durch die Welt der Oper. Unternommen hat sie ein Mensch, der die Kunst liebte und leidenschaftlich an ihre ständige Wiedererfindung glaubte; ein Regisseur, der in erster Linie Musiker war, sodass jede Entscheidung,...

«Lass irre Hunde heulen!»

Schauerlich nannte Schubert die Lieder der «Winterreise», die in seinem Freundeskreis zunächst keinen Anklang fanden. Man muss bis zu Mussorgskys kleinem Zyklus «Ohne Sonne» oder Wolfs drei «Michelangelo-Liedern» gehen, um am Ende des 19. Jahrhunderts auf einen vergleichbar ausweglosen Pessimismus zu stoßen. Heutzutage ist Schuberts Liederkreis einer Reise noch...