Seiner Zeit immer ein wenig voraus
Als Graham Vick zum Ritter geschlagen wurde, fortan also «Sir» Graham hieß, war dies die Anerkennung einer außergewöhnlichen und staunenswerten Reise durch die Welt der Oper.
Unternommen hat sie ein Mensch, der die Kunst liebte und leidenschaftlich an ihre ständige Wiedererfindung glaubte; ein Regisseur, der in erster Linie Musiker war, sodass jede Entscheidung, die er traf, zum Wohl und aus dem Geiste der Musik getroffen wurde; ein über die Maßen empathiefähiger Mann, der das Beste sowohl aus Stars als auch aus Newcomern herauszuholen vermochte, jeden Akteur, und sei es der Chorist in der letzten Reihe, im persönlichen Gespräch zu motivieren wusste und somit stets das Optimum an künstlerischen Möglichkeiten erreichte. Auch sämtliche Orchestermusiker kommunizierten kontinuierlich mit Graham.
Partituren kannte Graham auswendig. Er forderte Solisten, Orchestermusiker und Dirigenten auf, tief in die Musik der jeweiligen Opern einzutauchen – was Phrasierung, Spieltechnik und Stimmfarbe betraf. Ich hatte das große Glück, etwa 20 Bühnenwerke mit ihm zu erarbeiten, und kaum ein Tag verging, an dem ich nicht irgendetwas von ihm lernte. Sein Arbeitsethos war unglaublich. Drei Proben pro ...
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Opernwelt September/Oktober 2021
Rubrik: Abschied, Seite 87
von Simon Halsey
«Allons gay gayment», «Auf geht's fröhlich», beginnt die Sängerrunde mit einer Chanson von Claude Le Jeune. Und klar: Wir folgen auch diesmal gern, wenn William Christie mit seinen Les Arts Florissants in der nun schon dritten CD die Kunst der Airs de cour erkundet, die als höfische Liedform Frankreich von der zweiten Hälfte des 16. bis zur Mitte des 17....
Mit einem enormen Programm spielt das Festival d’Aix-en-Provence wieder vor vollen Rängen: Simon Rattle beleuchtet Wagners «Tristan» ganz neu und wird anstelle von Simon Stone zum eigentlichen Regisseur. Dafür findet der australisch-schweizerische Regisseur beeindruckende Bilder für Kaija Saariahos fünfte Oper «Innocence», die er gemeinsam mit Susanna Mälkki aus...
Wie oft bewährt sich die Kunst eines großen Sängers in Liedern, die schwerlich als «groß» zu bezeichnen sind – wie zum Beispiel in jenen Canzoni Napoletane, die, wie Adorno in seiner Musiksoziologie (1962) feststellte, «zwischen Kunstlied und Gassenhauer wunderlich die Mitte halten». Die Frage, ob sie im Verlauf des 20. Jahrhunderts diesen Charakter behalten...
