Seiner Zeit immer ein wenig voraus
Als Graham Vick zum Ritter geschlagen wurde, fortan also «Sir» Graham hieß, war dies die Anerkennung einer außergewöhnlichen und staunenswerten Reise durch die Welt der Oper.
Unternommen hat sie ein Mensch, der die Kunst liebte und leidenschaftlich an ihre ständige Wiedererfindung glaubte; ein Regisseur, der in erster Linie Musiker war, sodass jede Entscheidung, die er traf, zum Wohl und aus dem Geiste der Musik getroffen wurde; ein über die Maßen empathiefähiger Mann, der das Beste sowohl aus Stars als auch aus Newcomern herauszuholen vermochte, jeden Akteur, und sei es der Chorist in der letzten Reihe, im persönlichen Gespräch zu motivieren wusste und somit stets das Optimum an künstlerischen Möglichkeiten erreichte. Auch sämtliche Orchestermusiker kommunizierten kontinuierlich mit Graham.
Partituren kannte Graham auswendig. Er forderte Solisten, Orchestermusiker und Dirigenten auf, tief in die Musik der jeweiligen Opern einzutauchen – was Phrasierung, Spieltechnik und Stimmfarbe betraf. Ich hatte das große Glück, etwa 20 Bühnenwerke mit ihm zu erarbeiten, und kaum ein Tag verging, an dem ich nicht irgendetwas von ihm lernte. Sein Arbeitsethos war unglaublich. Drei Proben pro ...
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Opernwelt September/Oktober 2021
Rubrik: Abschied, Seite 87
von Simon Halsey
Die Oper war stets Labor der Moderne: Soziale, politische, ästhetische, ökonomische und technische Neuerungen aller Art sind zeitnah in sie eingegangen. Der Film, multimediale «Gesamtkunstwerk»-Verlängerung, hat solche Symbiose noch potenziert. Trotzdem galt/gilt nicht wenigen Jüngeren Oper als altmodisch, der Besuch als bürgerliches Ritual, nicht selten...
Eine putzige Anekdote über den kleinen Peter Tschaikowsky geht so: Das elsässische Kindermädchen ertappte seinen Schützling eines Tages, wie er vor einem Atlas kniete und die Länder Europas als die Feinde Russlands bespuckte. Von der Französin zurechtgewiesen, dass man so etwas nicht tue, antwortete der Junge verschämt, er habe beim Spucken Frankreich mit seinen...
Der Regisseur Felix Rothenhäusler setzt für seine Stuttgarter Inszenierung von Jules Massenets «Werther» auf die nicht unbedingt grundstürzende Idee einer Ineinssetzung der Bühne mit dem Auditorium, eine ästhetische Unio mystica. Rothenhäusler, Jahrgang 1981, hat Massenets Werk schon 2016 in Bremen inszeniert, für die Staatsoper Stuttgart legt er eine entschieden...
