«Aus der guten Stube in die Vorwelt»
200 Jahre Einsamkeit? Weit gefehlt. Carl Maria von Webers «Freischütz», 1821 im Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt (unter der musikalischen Leitung seines Schöpfers) in die Welt gekommen, ist der Deutschen liebstes romantisches Opernkind. Was wiederum auch nicht stimmt, denn die imaginäre Sprache des Waldes, die in diesem Bühnenwerk hörbar wird, fand insbesondere auch jenseits des Rheins große Bewunderer, ja sogar Nachahmer.
Und auch der Komponist selbst wies mit Recht darauf hin, dass die Kunst kein Vaterland habe und alles Schöne wertvoll sei, «welcher Himmelsstrich es auch erzeugt haben mag». Was unter dem Strich bleibt, ist die Erkenntnis, dass der «Freischütz» bis heute ein faszinierend enigmatisches, mithin vielfältig deutbares Musiktheater geblieben ist, das seine zeitlose Faszination aus dem Kampf des Frommen mit dem Dämonischen sowie aus dem dialektisch geformten Gegensatz zwischen Häuslichem und Heiligem, Erhabenem und Trivialem, Behaglichem und Unheimlichem generiert – und das allein aufgrund seiner «vollkommenen Partitur» (Hector Berlioz) auch weitere 200 Jahre auf die Opernbühnen in aller Welt gehört
«Victoria können wir schießen. Der Freischütz hat in’s ...
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Opernwelt Jahrbuch 2021
Rubrik: Der Freischütz, Mythos und Moderne, Seite 10
von Uwe Schweikert
Es ist eine der ältesten Opernfragen: «prima la parole?» Oder doch «prima la musica?» Die musikhistorische Wertung scheint da eine einfache Antwort zu kennen: Der Text einer Oper ist immer getreuer Diener von Frau Musica. Doch schon die inhaltlichen Handlungsvorgaben eines Musiktheaters rühren eben nicht so einfach aus dem Klingenden selbst, es bedarf hier schon...
«Ihre Art entspricht so sehr der meinen, wir sind füreinander geboren und werden sicher Schönes zusammen leisten, wenn Sie mir treu bleiben …» Dieses schrieb nicht etwa, errötend, ein Jüngling seiner Angebeteten ins Stammbuch. Sondern ein pragmatischer, als hemdsärmelig geltender Komponist, von Thomas Manns Adrian Leverkühn als «begabter Kegelbruder» bezeichnet, im...
Im Jahrbuch 2020 wurde eine von Mezzo J’Nai Bridges moderierte Diskussion zum Thema Rassismus in der Oper abgedruckt. Über dieses wichtige Thema ist viel gesprochen worden seither – wer trotzdem noch Belege braucht, kann sich auf einer der vielen neuen Plattformen umschauen, etwa dem Instagram-Account @operaisracist. Vieles klingt bekannt in den anonymisierten...
