Stunde der Wahrheit
Taugt die Krise als Pflicht und Chance, es alsbald anders zu machen? Drei Beispiele des Gelingens in einer nur scheinbar gescheiterten Spielzeit: Mit Händels «Tolomeo» transzendiert Regisseur Anthony Pilavachi das Artifizielle barocker Operngestik und das derzeitige Distanzgebot am Theater Lübeck, zu Saisonbeginn noch mit echtem Publikum im Saal, zu berührendem Musiktheater. Die Selbstbezogenheit der Figuren wie ihr Erspüren erotischer Energien wird umso stärker Ereignis, als es nicht mit konkreter Nähe verbunden werden darf.
In Mannheim entzündet Regisseur Lorenzo Fioroni mit Rameaus Meisterwerk «Hippolyte et Aricie» ein fantastisches Feuerwerk der Fantasie und beschert dem zum Saisonende digitalen Publikum eine Musiktheater-Erfüllung. Die Produktion am Nationaltheater spürt spielerisch leichtgängig auch jene Parallelen auf, durch die wir die Zeitgenossenschaft des barocken Lebensgefühls und Theatergeistes vor Augen und Ohren geführt bekommen. Die der Übertragung vorgeschaltete Einführung, in der sich Dramaturgin und Intendant lustvoll und klug die Bälle zuspielen, macht neugierig – und beweist, wie wunderbar sich digitale Kanäle für die Vermittlung anspruchsvoller Inhalte eignen. ...
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Opernwelt Jahrbuch 2021
Rubrik: Umfrage Kritikerstatements, Seite 114
von Peter Krause («Opernwelt», Hamburg)
200 Jahre Einsamkeit? Weit gefehlt. Carl Maria von Webers «Freischütz», 1821 im Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt (unter der musikalischen Leitung seines Schöpfers) in die Welt gekommen, ist der Deutschen liebstes romantisches Opernkind. Was wiederum auch nicht stimmt, denn die imaginäre Sprache des Waldes, die in diesem Bühnenwerk hörbar wird, fand...
In Mozarts Musik gibt es Momente einer unwirklich überwirklichen Hoffnung. Ebenso unwirklich und überwirklich wie die Situation, in der ich sie im vergangenen Jahr, nach viermonatiger Schließung der Konzertsäle und Opernhäuser, erstmals wieder hörte, in «Così fan tutte» bei den Salzburger Festspielen. Man hatte etwas riskiert, in einer unüberschaubaren Lage – die...
Die dritte Welle der Pandemie scheint überstanden. Man blickt zurück. «À la recherche du temps perdu»? Nein, eine «verlorene Zeit» ist es nicht gewesen. Es war eine Zeit des Innehaltens, eine Zeit zum Ordnen von Eindrücken, zum Überdenken von Positionen, auch eine Zeit des In-Frage-Stellens. Was ist haften geblieben von den Eindrücken, wie Oper unter erschwerten...
