Choreografie der Welt

Nicht nur Filz, Fett, Kupfer und Hasen zählten zum Kunstverständnis von Joseph Beuys. Auch für die Oper wichtige Kerningredienzen spielten eine zentrale Rolle in den Aktionen und Sprachplastiken des «Nicht-Wagnerianers». Porträt eines Augenmenschen, der auch Ohrenmensch war

Seine Neigungen waren vielfältig. Joseph Beuys, vor 100 Jahren geboren, war nicht nur Aktionskünstler, Gesamtkunstwerker, Bildhauer, Zeichner, Medailleur und Kunsttheoretiker, er war zudem ein großer Musikenthusiast. Doch nicht unbedingt im konventionellen Sinne.

Das Phänomen Klang bildete für ihn eine besondere semantische Konstante, und als solche betrachtete er gesprochene und zu hörende, notierte und (laut-leise) zu lesende, gelegentlich auch gesungene Sprache als eine essenzielle Artikulationsform innerhalb seiner erweiterten Kunst, die das ganz normale Leben zu integrieren imstande war und damit das Ideal einer «Sozialen Plastik» avisierte. In seinen, von der Fluxus-Bewegung inspirierten Sprechstücken und Kunstaktionen nahm der «Laut/Sprecher» und «Ton/Musiker» Beuys häufig Bezug auf musikalische Parameter und erwies sich somit – wie ebenfalls der von ihm verehrte John Cage – als Erneuerer der Ton-Kunst

Sprache, Szene und Musik – die zusammenwirkenden Kerningredienzien der Oper verfangen als künstlerische Allianz auch dort, wo von Musiktheater oder vom Theater mit Musik kaum je die Rede ist. Für Joseph Beuys bildet die gesprochene und zu hörende, die notierte und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2021
Rubrik: Joseph Beuys, Sprache, Szene, Musik, Seite 46
von Stefan Fricke

Weitere Beiträge
Ausgetrocknet

Die Sängerinnen und Sänger des Staatstheaters Karlsruhe verbeugen sich beseelt lächelnd nach der im Mai live gestreamten Premiere von Giacomo Puccinis «Gianni Schicchi» in Richtung Kameras. Ansonsten bleibt es still. Das Publikum ist abwesend. Wenn die Oper keine einseitig kommunizierende Röhre ist, dann war die zu Ende gegangene Spielzeit eine katastrophale, die...

Verpasste Chancen

Laut Michael Spitzer, Autor des vielbeachteten Buches «The Musical Human», das im vergangenen April erschienen ist, geht die Geburt des Rhythmus 165 Millionen Jahre zurück; vor 66 Millionen Jahren erschien die erste Melodie, und 40.000 Jahre sind vergangen, seit der Homo sapiens das erste Musikinstrument gebaut hat. Es ist also nicht verwunderlich, wenn uns ein...

Alles auf Anfang?

Beginnen wir mit einem Zitat von Carolin Emcke, aus deren Pandemie-Tagebuch: «Wenn wir jetzt nicht nachweisen, was wir können, wenn wir jetzt nicht begründen, warum es uns, die wir Geschichten erzählen, fiktive oder nicht-fiktive, die wir die Wirklichkeit verwandeln oder beschreiben, die wir Trost spenden oder Wissen vermitteln, die wir Wörter oder Konzepte wiegen...