Foto: Privat

Aus dem Leben eines Taugenichts November 2017

Opernwelt - Logo

Kürzlich stieß ich im «New Yorker» auf einen Beitrag über Toscanini. Als der Dirigent in den 1920ern Chef der Scala war, las ich dort, bestand das Repertoire zu 35 bis 40 Prozent aus nagelneuen Stücken. Meine Frau und ich stellen gerade eine Stiftung auf die Beine, die Kompositionsaufträge finanzieren soll – da mutet uns die Vorstellung paradiesisch an. Man stelle sich vor: eine Ära, in der mindestens ein Drittel aller Opern unerhört war! Und je weiter wir die Geschichte zurückspulen, desto höher wird der Anteil, bis Wiedergekäutes die Ausnahme, nicht die Regel ist.

Je mehr ich mir das vor Augen führe, desto grotesker finde ich, wie sehr das Publikum heute nach Bekanntem lechzt und wie wenig Uraufführungen sich die meisten Häuser und Festivals erlauben – oder erlauben können. Stattdessen werden dieselben Werke wieder und wieder durch die Mangel gedreht, bis noch der letzte Tropfen Frische herausgepresst ist; und selbst dieses letzte Bisschen ist vielen lästig. Dass sich das Gequetsche regiemäßig mitunter erbarmungswürdig angestrengt ausnimmt, hilft der Causa nicht (siehe auch den Essay «Streitfall Regietheater» im «Opernwelt»-Jahrbuch «Oper 2017»).

Die Suhlerei im Althergebrachten ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2017
Rubrik: Mal ehrlich, Seite 79
von Christopher Gillett

Vergriffen
Weitere Beiträge
Zwischen Idealismus und Ideologie

Opernhäuser zeigen Märchen und Legenden, aber sie fabrizieren sie auch. Nur selten gelingt es, dogmatisch verfestigte, eindimensionale Deutungsmuster aufzulösen. Misha Aster hat es jetzt geschafft. Nach zehnjähriger Wühlarbeit in Archiven legt er einen Band vor, der nicht nur akribisch recherchiert ist, sondern auch unterhaltsam, ja beinahe spannend – und das Gros...

Heldenlos

Klassische Helden haben keinen guten Leumund mehr. In der Antike genügte es, aus Ehrsucht möglichst viele Menschen beliebig zu erschlagen, und schon war man wer. Unserem heutigen Heldenbild entspricht eher der kürzlich verstorbene Oberstleutnant Stanislaw Petrow, der 1983 die Welt rettete, indem er auf einen vermeintlichen atomaren Angriff der Amerikaner nicht...

Apropos... Mozart

Frau Müller,  wenn ich Sie nachts um vier bitten würde, «Ach, ich fühl’s, es ist entschwunden» zu singen, was würden Sie sagen?
Ich würde es machen – wenn ich mich 20 Minuten einsingen darf. Es ist gut, wenn man nicht mit einer völlig ausgeruhten Stimme beginnt.

Singt sich Mozart auf der Bühne leichter, wenn man vom Lied kommt?
Ich denke schon. Man muss sich, seine...