Auf Flügeln getragen
Die Vorstellung ist, horribile dictu, absurd. Ewige Nacht. Es wäre ein Leben ohne Licht, ein Dasein im Dunkel, hoffnungslos-haltlos. Doch kaum vernimmt man die ersten Töne aus Robert Johnsons «Care-charming sleep», hat man die Sorgen schon vergessen. Ein ätherisches Wesen scheint, von irgendwoher, das Wort an uns zu richten. Und so organisch, so rein und glockenglänzend strömt diese Stimme dahin, dass die Tröstung auf der Stelle eintritt.
Nur eine Frage steht zugleich im Raum: Wer ist es? Ist es, was das erste Hören nahelegt, ein Nachfahre jener «Engel wider Willen», die im 17. Jahrhundert (und aus jener fernen Zeit stammen sämtliche, hier versammelte Ayres und Songs) den Hofstaat beglückten? Oder vielleicht doch nicht?
Lucile Richardot heißt die junge Dame aus Frankreich, dem Land der zart-duftenden, charmierenden, noblen Stimmen. Ihr Stimmfach ist der Mezzosopran. Doch klingt sie kaum wie ein Mezzosopran. Eher schon wie ein Altus, der aus der Tiefe zu uns spricht, gleichsam ein in der Kunst der englischen masques und anthems bewanderter Bruder Jochanaans: warm, voluminös, sonor, in seiner Reinheit betörend, in seiner Überredungskunst unübertroffen. Und, das sei nicht unerwähnt, ...
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Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 20
von Jürgen Otten
Darf ein Countertenor Rossini singen? Die Frage ist so sinnvoll oder so sinnlos wie die nach Bach auf dem Steinway oder – vermutlich hier treffender – die nach Schubert auf dem Cembalo. Natürlich darf er, wenn das künstlerische Resultat überzeugt. Max Emanuel Cenčić überzeugt in den beiden Arien des Malcolm aus Rossinis «La donna del lago», die er schon 2007 auf CD...
Es ist das alte Spiel: «Hab mich ein bisschen lieb, dann wird aus mir doch noch ein anständiger Kerl», sagt er zu ihr. «Dafür hole ich dir die Sterne vom Himmel und lege dir die Welt zu Füßen.» Sie spürt eigentlich, dass es ihm nur um sich geht, erliegt aber schließlich doch seiner dunklen Faszination. Nur: Wir sind in der Oper, weshalb sie am Ende stirbt und von...
Obwohl das Werk schon in seinem Entstehungsjahr 1625 in einem aufwendigen Druck erschienen ist, hat die erste Oper einer Komponistin bis vor Kurzem wenig Aufmerksamkeit gefunden. Jetzt aber steigt das Interesse: Im November 2017 gab es bei den Tagen Alter Musik in Herne eine konzertante Aufführung, die Wuppertaler Oper hat das Werk für ein interaktives Projekt...
