Auf Flügeln getragen

Lucile Richardot und Sébastian Daucé mit Ayres und Songs aus dem England des 17. Jahrhunderts

Opernwelt - Logo

Die Vorstellung ist, horribile dictu, absurd. Ewige Nacht. Es wäre ein Leben ohne Licht, ein Dasein im Dunkel, hoffnungslos-haltlos. Doch kaum vernimmt man die ersten Töne aus Robert Johnsons «Care-charming sleep», hat man die Sorgen schon vergessen. Ein ätherisches Wesen scheint, von irgendwoher, das Wort an uns zu richten. Und so organisch, so rein und glockenglänzend strömt diese Stimme dahin, dass die Tröstung auf der Stelle eintritt.

Nur eine Frage steht zugleich im Raum: Wer ist es? Ist es, was das erste Hören nahelegt, ein Nachfahre jener «Engel wider Willen», die im 17. Jahrhundert (und aus jener fernen Zeit stammen sämtliche, hier versammelte Ayres und Songs) den Hofstaat beglückten? Oder vielleicht doch nicht?

Lucile Richardot heißt die junge Dame aus Frankreich, dem Land der zart-duftenden, charmierenden, noblen Stimmen. Ihr Stimmfach ist der Mezzosopran. Doch klingt sie kaum wie ein Mezzosopran. Eher schon wie ein Altus, der aus der Tiefe zu uns spricht, gleichsam ein in der Kunst der englischen masques und anthems bewanderter Bruder Jochanaans: warm, voluminös, sonor, in seiner Reinheit betörend, in seiner Überredungskunst unübertroffen. Und, das sei nicht unerwähnt, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 20
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Immer Wunderkind

Herrlich, diese Karikatur! Vier Komponisten (Siegfried Wagner, Max Reger, Richard Strauss, Eugen d’Albert) und ein Dirigent (Arthur Nikisch) stehen da, mehr oder minder gramgebeugt und recht ratlos, wie es scheint, um einen Flügel herum. Auf einem Stuhl davor ein Winzling, dessen zarte Füße nicht einmal im Traum an die Pedale reichen würden, dessen (bebrilltes)...

Freakshow

In der einen Hand halte sie die Giftphiole, in der anderen den Dolch. Viel mehr, so bedauerte Ferdinand Gregorovius im vorvergangenen Jahrhundert, habe die Historie über Lucrezia Borgia leider nicht zu sagen. Späte Amtshilfe bekam der deutsche Antikenkenner vom Musiktheater, wo ein Donizetti seine Antiheldin in irritierend mitleiderregende Klänge kleidete.

Man...

TV-Klassiktipps Juni 2018

alpha

03.06. – 20.15 Uhr
Mahler: Rückert-Lieder

ML: Haitink, S: Gerhaher

03.06. – 20.40 Uhr
Annette Dasch: Gretchenfrage

Münchner Rundfunkorchester

17.06. – 20.15 Uhr
70 Jahre BR-Chor

ML: Jansons

24.06. – 20.15 Uhr
Händel: Messias

BR-Chor

arte

03.06. – 23.50 Uhr
Haydn: Die Schöpfung

Mit Haydns Oratorium in einer Inszenierung von La Fura dels Baus eröffnete die...