Freakshow
In der einen Hand halte sie die Giftphiole, in der anderen den Dolch. Viel mehr, so bedauerte Ferdinand Gregorovius im vorvergangenen Jahrhundert, habe die Historie über Lucrezia Borgia leider nicht zu sagen. Späte Amtshilfe bekam der deutsche Antikenkenner vom Musiktheater, wo ein Donizetti seine Antiheldin in irritierend mitleiderregende Klänge kleidete.
Man kann das sogar anheizen, bis zur radikalen Parteinahme.
Am Landestheater Niederbayern, das sich seit einigen Spielzeiten mutig und erfolgreich dem Belcanto stellt, treibt Regisseur Roland Schwab die Angelegenheit um die Tochter des späteren Papstes um zwei, drei Umdrehungen weiter. Nicht um Mitleid für eine Ausgebootete geht es hier. Es geht um Solidarität für eine Unterdrückte. Schwabs Regieurteil also: kein Mord, bestenfalls Totschlag, vielleicht sogar «nur» Notwehr.
Doch statt zu Phiole oder Dolch greift seine Lucrezia zu Härterem. Am Gas verrecken ihre Peiniger, von denen sie zuvor erniedrigt, misshandelt, sogar mit Urin besudelt worden war. Gewachsen, das zeigt sich jetzt, sind ihr diese präpotenten Kerle keineswegs, die ihrem Hormonstau kaum Herr werden – weil er die entscheidenden Synapsen für Durchblick und ...
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Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Markus Thiel
Die Tenor-Partien seiner 29 Opern hat Giuseppe Verdi für 21 Sänger geschrieben. Sein erster Favorit war Gaetano Fraschini, vom Typus her wohl ein lirico-spinto, ähnlich wie Raffaele Mirate, der erste Manrico. Für Alvaro fand er in Enrico Tamberlik einen echten spinto, während er aus der Partie des Don Carlos eine Arie streichen musste, um Jean Morère seine Aufgabe...
Vielleicht lag es an der Komplexität der Partitur, vielleicht am Zeitpunkt der Pariser Uraufführung 1936, wenige Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg. Vielleicht lag es aber daran, dass Georges Enescu nicht die Bedeutung zukam, die er als Komponist verdient hätte. «Oedipe» jedenfalls, seine einzige Oper, schaffte es nie in den Kanon. In Deutschland wurde das Werk erst...
Natürlich haben die Großen der Musikwissenschaft sein «Ave Maria» verachtet. Was Charles Gounod da mit seiner 1854 veröffentlichten «Méditation sur le célèbre prélude de Bach» gemacht hat, ist purer Kitsch, die Versetzung des Gebets in die Sphäre der Salonmusik, rügt Carl Dahlhaus. Theodor W. Adorno nennt das Stück in seinen «Musikalischen Warenanalysen» gar eine...
