Immer Wunderkind
Herrlich, diese Karikatur! Vier Komponisten (Siegfried Wagner, Max Reger, Richard Strauss, Eugen d’Albert) und ein Dirigent (Arthur Nikisch) stehen da, mehr oder minder gramgebeugt und recht ratlos, wie es scheint, um einen Flügel herum. Auf einem Stuhl davor ein Winzling, dessen zarte Füße nicht einmal im Traum an die Pedale reichen würden, dessen (bebrilltes) Gesicht aber dem eines Professor emeritus gleicht. Die Hände auf den Tasten, scheint das Wunderkind ganz und gar absorbiert, versunken in seine Welt.
1911 war das.
Soeben hatte der Kritiker (und zuvor erfolglose Komponist) Julius Korngold Werke seines zwölfjährigen Sohnes Erich Wolfgang an sage und schreibe 40 Künstlerpersönlichkeiten versandt, versehen mit der Bitte um ehrliche Einschätzung. Die Reaktionen waren zum Teil enthusiastisch; «größtes Erstaunen» (Strauss) mischte sich mit Bewunderung – und Verwunderung. Konnte es wirklich sein, dass ein Kind Schöpfer derartig differenzierter, ja ausgereift-geistreicher Kompositionen war? Zweifelnde Stimmen wurden laut; besonders laut wurden sie, weil der Erzeuger dieses Wunderknaben wegen seiner ätzenden Kritiken im Wiener Musikleben wahrlich nicht nur Freunde besaß. Und so ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 28
von Jürgen Otten
Seit 1959 werden in den Vereinigten Staaten jedes Jahr die Grammy Awards verliehen. Und alle Jahre wieder ertönt zum großen Finale die Sage von den Musik-Oscars für das Beste aus Rock und Pop, Jazz und Klassik. Eine goldglänzende Grammophon-Trophäe der National Academy of Recording Arts and Sciences gilt vielen als höchster Qualitätsausweis, den professionelle...
Gerade 40 Jahre sind es her, dass Jean-Pierre Ponnelle und Nikolaus Harnoncourt am Opernhaus Zürich ihren Monteverdi-Zyklus zeigten und die drei überlieferten Opern endgültig für das Repertoire zurückgewannen – opulente Inszenierungen der Sinnenfreude, bei denen die barocke Schaulust allerdings oft nicht von der schicken Schaufensterdekoration zu unterscheiden war....
Polen ist bislang nicht als Zentrum für Alte Musik und genuine Aufführungspraxis bekannt gewesen. Doch das ändert sich. Gerade fiel der Countertenor Kacper Szelążek in Amsterdam bei der Aufführung von Stefano Landis Tragicommedia «Morte d’Orfeo» auf (siehe OW 5/2018). Nun hat sein Kollege Jakub Józef Orliński mit der Mezzosopranistin Natalia Kawałek, die regelmäßig...
