Armer Schubert
Werktreue. Meist kursiert das Wort als Kampfbegriff. Wer es im Schilde führt, spielt sich gern als Retter auf. Des Wahren, Schönen und Guten. Der hohen Kunst und des reinen, einzigen Schöpferwillens. Der alten Theatertugenden. Wie stumpfes, schmutziges Glas sollen sie an diesem Panzer zerschellen, die Zumutungen, Bilder, Fragen der Gegenwart. Heute war gestern.
So predigen Missionare, die aus Ehrfurcht vor Letter, Punkt und Komma den Blick für den vitalen, wandelbaren, nie einzuhegenden Sinn des Werks verlieren.
Die Sehnsucht nach Wiedereinsetzung eines – vermeintlich mutwillig beschädigten – Erhabenen ist freilich ein schlechter Ratgeber, das zeigt die Erfahrung. Das Streben nach verlorener Größe kocht die verehrte Sache meist auf geistiges Postkartenformat ein. Blinde Einfalt, hehre Blöße.
Das musste vergangenes Jahr auch Schubert erleben, als der einst große Theatermann Peter Stein in Salzburg den vielgescholtenen «Fierrabras» zu rehabilitieren suchte. Mit Burghöfen und Felsenkulisse, mit Haremsdamen in Orientprospekten, mit «weißen» Christenmenschen und «finsteren» Muselmanen. Zum glücklichen Ende prangt ein rotes Herz über den im Namen des Kreuzes versöhnten Antagonisten. Alles ...
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Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 44
von Albrecht Thiemann
Konzertante» Aufführungen von Opern hat es immer gegeben: zunächst vor allem im privaten Rahmen wie noch bei der einzigen Wiener Aufführung des «Idomeneo» zu Mozarts Lebzeiten. Oder im Umgang mit avantgardistischen Werken wie 1874 bei der ersten Wiener (Teil-)Aufführung von Wagners «Die Walküre» mit zwei Klavieren. Ähnlich, als sich das offizielle Paris verweigerte...
Händels Oratorium «Saul» hat seit jeher das Zeug zu bühnenwirksamem Musiktheater gehabt. Bei der Uraufführung im Londoner King’s Theatre 1739 konnte das Publikum neben dem Libretto von Charles Jennen auch szenische Anweisungen im Programmheft studieren. In Glyndebourne entführt Barrie Koskys Inszenierung der alttestamentarischen Fabel um Missgunst und Neid in eine...
Vielfach geteilte Streicherklänge flirren wie Hitzewellen über der Bühne des Linbury Studios im Royal Opera House: «Cities of Salt», zweite Szene eines work in progress. Ein Wadi in irgendeinem arabischen Land, irgendwann in den 1930er-Jahren. Das englischsprachige Libretto basiert auf Abdelrahman Munifs gleichnamigem Roman; es geht um die Folgen des Ölgeschäfts in...
