Arbeit am Mythos
Liebe, so hat es Stendhal einmal sehr schön notiert, beginne mit gegenseitiger Verwunderung, mit jenem augenblickshaften Erstaunen der darin Verwickelten, das die Existenz des anderen für kaum möglich gehalten hätte. Doch war sich Marie-Henri Beyle darüber im Klaren, dass es verschiedene Formen der Liebe gibt. Er selbst unterschied vier Arten: Liebe aus Leidenschaft, Liebe aus Geschmack, physische Liebe und Liebe aus Eitelkeit. In der christlichen Terminologie wurde dies erweitert – durch Spielarten der mitfühlenden Liebe.
Wenn man so will, sind damit die wesentlichen Spielarten der Liebe genannt, wie sie sich in Wagners Opern finden, vorzugsweise in dialektischer Dynamik. Während alle Werke nach «Rienzi» auf die Unmöglichkeit einer Liebesbeziehung zielen und den Kierkegaard’schen Dreischritt des Ästhetischen, Ethischen und Religiösen vollziehen, bringt der «Ring» eine weitere Variante ins Spiel, und zwar in Gestalt von Brünnhildes wissender Erkenntnis: Der Minne höchste Notwendigkeit liegt darin, sich ihre eigene Macht zu versagen. Davon, von dieser «symbolischen Kastration» (Lacan), singt Brünnhilde. Sie weiß: Will man seiner Liebe treu bleiben (in ihrem Fall: der Liebe zu ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt 11 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 5
von Jürgen Ottten
Alpha
06.11. – 21:45 Uhr
Leonidas Kavakos spielt Beethoven Leonidas Kavakos gehört zur Weltspitze der Violinisten. Man rühmt seine makellose Technik, sein tiefgründiges musikalisches Verständnis, seine einzigartige Klangqualität und sein höchst virtuoses Spielniveau. Der vielfach gefragte italienische Pianist Enrico Pace teilt mit Kavakos, neben seiner Arbeit mit...
Die Vision der Liebe, der Verständigung und des Verzeihens, die Goethes «Faust II» im himmlischen Chorus Mysticus krönt, beschreibt ein derart allumfassendes Prinzip des (die Titelfigur wie die ganze Welt) erlösenden Ewig-Weiblichen, dass die Bebilderung auf der Bühne sie wohl nur im Kitsch oder der Überzeichnung brechen kann. Ob Arrigo Boito das schon wusste?...
Im Deutschen Nationaltheater Weimar lässt es die Opernsparte zum Spielzeitauftakt so richtig krachen. Am Ende der Uraufführung von Joachim Raffs «Samson» stürzt ein Tempel ein – und begräbt das gesamte Personal unter sich.
Der biblische Titelheld rächt sich so für die erlittene Demütigung. Seine Wandlung vom brutalen Kriegsherrn und Eroberer zum kompromissbereiten...
