Arbeit am Mythos
Liebe, so hat es Stendhal einmal sehr schön notiert, beginne mit gegenseitiger Verwunderung, mit jenem augenblickshaften Erstaunen der darin Verwickelten, das die Existenz des anderen für kaum möglich gehalten hätte. Doch war sich Marie-Henri Beyle darüber im Klaren, dass es verschiedene Formen der Liebe gibt. Er selbst unterschied vier Arten: Liebe aus Leidenschaft, Liebe aus Geschmack, physische Liebe und Liebe aus Eitelkeit. In der christlichen Terminologie wurde dies erweitert – durch Spielarten der mitfühlenden Liebe.
Wenn man so will, sind damit die wesentlichen Spielarten der Liebe genannt, wie sie sich in Wagners Opern finden, vorzugsweise in dialektischer Dynamik. Während alle Werke nach «Rienzi» auf die Unmöglichkeit einer Liebesbeziehung zielen und den Kierkegaard’schen Dreischritt des Ästhetischen, Ethischen und Religiösen vollziehen, bringt der «Ring» eine weitere Variante ins Spiel, und zwar in Gestalt von Brünnhildes wissender Erkenntnis: Der Minne höchste Notwendigkeit liegt darin, sich ihre eigene Macht zu versagen. Davon, von dieser «symbolischen Kastration» (Lacan), singt Brünnhilde. Sie weiß: Will man seiner Liebe treu bleiben (in ihrem Fall: der Liebe zu ...
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Opernwelt 11 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 5
von Jürgen Ottten
Vergessen wir die Comedian Harmonists! Halten wir uns lieber an Oscar Wildes Stichelei: «A real friend stabs you in the front, not the back» – ein echter Freund meuchelt dich von vorne, nicht von hinten. Der Aphorismus passt gut zu den Szenen des Alvaro und des Carlos di Vargas aus Verdis «La forza del destino», dargeboten von Jonas Kaufmann und Ludovic Tézier auf...
Das Lob stammt aus höchst berufenem Munde: «Ich hatte viele wunderbare Kollegen, die mich faszinierten. Da waren die mit den großartigen Stimmen, oder die feinen Musiker, oder die wunderbaren Schauspieler, oder die großen Persönlichkeiten. Aber George London – er hatte Alles.» Damit meinte die große Birgit Nilsson nicht nur Londons mächtige, bassig grundierte, in...
Es ist der vielleicht größte Albtraum eines Kritikers. Man betritt den Zuschauersaal, doch die Sache läuft bereits. Besonders schlimm: alles ist fast schon vorbei. Anfang September wurde ein solcher Albtraum zur Beinahe-Realität. Das Luzerner Theater hatte (in Kooperation mit dem Lucerne Festival) Béla Bartóks Einakter «Herzog Blaubarts Burg» angesetzt – als...
