An der Rampe, händeringend

Luk Perceval reduziert Mozarts «Entführung aus dem Serail» in Genf auf eine Lehrformel – und wird so weder den eingeschrie­benen Texten Aslı Erdoğans noch der von Fabio Biondi konzept­kompatibel enggeführten Musik gerecht

Opernwelt - Logo

«Das Serail ist eine Stadt. Ein Leben ständigen Rennens, […] ein Gefängnis der Einsamkeit.» Als Luk Perceval für eine Opernregie in Genf angefragt wurde, bestand der belgische Theatermann auf «beträchtlichen Freiheiten». So wurde Mozarts Singspiel aus dem Jahre 1782 entkernt: keine Dialoge, kein Serail, kein Bassa Selim, kein Orientalismus. Stattdessen eine Überblendung mit Ausschnitten aus dem 1996 erschienenen Prosabändchen «Der wundersame Mandarin» von Aslı Erdoğan.

Darin beschreibt die Menschenrechtskämpferin ihre Erfahrungen als Migrantin in Genf: als Frau in der Männerdomäne der Teilchenphysik, als Türkin im «Westen», dem «Westen», der ihr 2015 zum Fluchtort vor dem Terror des gleichnamigen (aber nicht mit ihr verwandten) Totengräbers der türkischen Demokratie wurde.

Gesprochen werden diese Texte jeweils von einem Alter Ego: Konstanze und Belmonte, Blonde und Osmin (nicht aber Pedrillo) treten im Doppelpack auf. Perceval will den «großen Bogen» zwischen Jugend und Alter, «zwischen der Geburt und dem Tod zum Vorschein bringen». So interagieren die Schauspieler fast wie fools mit den Opernsängern. Das Ganze in einem Einheitsbühnenbild: ein riesiger, nur auf einer Seite ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Anselm Gerhard

Weitere Beiträge
Ins Vergessen vertrieben

Die attraktive junge Frau mit der schwarzen Mähne wirft sich der Musik nachgerade körperlich in die Arme: Mit Leidenschaft singt Sara Hershkowitz Lieder von Philip Herschkowitz. Der Komponist war gebürtiger Rumäne, die Familie der in Los Angeles geborenen Sängerin hat ebenfalls ihre Wurzeln dort. Doch ob und wie beide verwandt sind, weiß die Sopranistin nicht. «Es...

Blutige Kolonialgeschichte

Warum Franz Schrekers letzte Oper eines Tages den Weg auf den Spielplan belgischer Bühnen finden musste, erklärt schon der Titel: «Der Schmied von Gent». Die Opera Vlaanderen hat das Werk jetzt an ihren Spielstätten in Antwerpen und Gent herausgebracht – mit einem drastischen Bezug auf ein dunkles Kapitel der Geschichte Belgiens. Freilich schwimmt die flämische...

Mozarrrt leppt!

Bis 2023 ist die Mozartwoche in Salzburg in der Hand des Multitalents Rolando Villazón. Der singt als Intendant nur noch auf offener Straße, zum Gaudium des «Fußvolks», mexikanische Ständchen an Mozarts Geburtstag, ist aber auch sonst allgegenwärtig: als Moderator und Gesprächsleiter, als Regisseur von sieben eigens beauftragten Dramoletten zu Mozart-Divertimenti,...