Akustische Weichzeichner

Hannover, Wagner: Tristan und Isolde

Die These, die dem neuen Hannoveraner «Tristan» zu Grunde liegt, ist durchaus beunruhigend: Könnte es sein, so scheint Joachim Schlömer sich und das Publikum den ganzen Abend über zu fragen, dass dieses Werk sich am Ende einer glaubwürdigen szenischen Realisierung grundsätzlich verweigert? Dass dort, wo es ohnehin nur um hemmungs- und grenzenlose Gefühle geht, jede Verankerung in einer Spielatmosphäre nur eine Verkleinerung der Wahrheit bedeutet? Tristan und Isolde, postuliert Schlömer schon zum Vorspiel des ers­ten Aktes, das können wir alle sein – wenn wir nur bereit sind, unser

e Gefühle zu leben.
Es sind x-beliebige Menschen, die sich auf der Bühne versammeln und auf eine Leinwand starren, die das Geschehen per Live-­Video sichtbar macht. Man gibt sich leger, trägt Trainingsjacke und weiße Hemden, und für die ganze Handlung braucht es auf nackter Bühne nur eine Hand voll Requisiten: Ein paar weiße Latten reichen, um Räume anzudeuten, allein ein Paar Stiefel verweist später darauf, dass der dritte Akt bei Tristan zu Hause spielt. Bühnentechnik und Scheinwerferlicht werden deutlich vorgezeigt, damit ja keiner auf die Idee kommt, die Res­te der (ohnehin denkbar kargen) äußeren ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2005
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Jörg Königsdorf

Vergriffen
Weitere Beiträge
Blutende Herzen, brennende Kerzen

Friedrich Nietzsche hat den stilistischen Sonderstatus von Georges Bizets «Carmen» wohl als Erster metaphorisch auf den Punkt gebracht: «Diese Musik ist heiter», schrieb er 1888, dreizehn Jahre nach der skandalumwitterten Urauffüh­rung an der Pariser Opéra Comique, «aber nicht von einer französischen oder deutschen Heiterkeit. Ihre Heiterkeit ist afrikanisch; sie...

Lebensbewältigungstheater

Der Erfurter Oper ist mit diesem «Rosenkavalier» ein Wurf gelungen! Die Szene befragt die «Komödie für Musik» hintersinnig, entfaltet kluge Opulenz und gibt doch dem Theater, was des Theaters ist: in einer Welt zwischen kunstvoller Erfindung und dem Hofmanns­thal’schen «Hätte durchaus so sein können». Die Wahrheit, die dieses Stück jenseits seiner funkelnden...

Glanert: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung

Grabbes Farce von Scherz, Satire und Ironie ist, wie der Hinweis auf die «tiefere Bedeutung» andeutet, eine ernste Angelegenheit. Es ging in diesem Vormärz-Produkt des schwerblütigen ostwestfälischen Sturmgenies und Kampftrinkers um Kritik am deutschen Idealismus und dessen Menschenbild, um die Ironisierung Goethes und des Bildungssystems von anno 1830.
Das eiserne...