Äpfel und Messer
Milde und Nachsicht muss man ertragen können, im Leben – und auf der Bühne. An beiden Orten begegnen sie uns eher selten. Und wenn doch, ist gleich das Misstrauen da: dass da etwas nicht stimmen kann, ein Hintergedanke im Spiel ist, das Ende der Milde und Nachsicht sich bloß verzögert.
Regisseurin Clara Kalus hält es in Würzburg sogar ziemlich lange aus.
Ihr Tito, Roberto Ortiz, ist grundlegend freundlich, macht große Augen und staunt in erster Linie über sich selbst und die Tatsache, dass (und wie) es ihm nicht gelingen will, seinen Zorn so lange hochzuhalten, bis Sesto, der Verräter, der gerechten Strafe zugeführt worden ist. Tugend, das ist hier schön und rührend anzusehen, ist keine Selbstbeherrschung, keine Entscheidung, keine gute Erziehung: Es ist die Natur des nicht deformierten Menschen. Die Wut Titos – selbst ein Angekratzter, der die geliebte (ausländische) Berenike um der Staatsräson Willen verließ, wie ein Audio vorab rekapituliert – klappt regelrecht in sich zusammen. Das ist nicht er, er will das nicht. Wie auch Sesto ihn nicht morden wollte. «Ich hätte nie gedacht», lesen wir in ganz heutigem Deutsch in den Übertiteln mit, «wie furchtbar es ist, ein Mörder zu ...
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Opernwelt März 2023
Rubrik: Panorama, Seite 52
von Judith von Sternburg
In Marco Štormans Stuttgarter Inszenierung von Wagners «Götterdämmerung» ist die Apokalypse bereits vorüber, wenn sich der Vorhang hebt. Die verdorrte, von Wotan selbst abgeholzte Weltesche schwebt wie ein Menetekel als Strandgut vom Schnürboden herab. Wenn sie am Ende wiederkehrt, begräbt sie den im Rheinrinnsal gierig nach dem Ring fischenden Hagen und erschlägt...
Diese Oper war sein Schmerzenskind. Düster war dieses Kind, «weil es düster sein muss» (so der Schöpfer am 2. Februar 1881 an den Lebensfreund Opprandino Arrivabene), durchtränkt von einer zutiefst pessimistischen Menschensicht und versehen mit einem aus drei Tintenfässern stammenden Libretto, das Eduard Hanslick anlässlich der Wiener Erstaufführung ein Jahr nach...
Der 5. März 1953 ist in die Geschichtsbücher als jener Tag eingegangen, an dem zwei Menschen das Zeitliche segneten, deren Wirken zwar eng miteinander verknüpft war, von denen aber der eine so prominent war, dass man das Dahinscheiden das anderen darüber beinahe vergaß. Mit Josef Wissarionowitsch Stalin starb einer der übelsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts, mit...
