Abschied(e)

Opera Europa: Impressionen aus Perugia, Paris und Prag

Opernwelt - Logo

Eine alte griechische Legende erzählt, dass Schwäne unmittelbar vor ihrem Ableben Gesänge von geradezu ätherischer Schönheit anstimmen. Unter dem Titel «Schwanengesang» versammelte der Verleger Tobias Haslinger posthum 14 Schubert-Lieder zu Texten von Rellstab, Heine und Seidl und erhob sie so zum klangvollen Vermächtnis. Anders als die großen Zyklen «Die schöne Müllerin» und «Winterreise» entzieht sich diese Sammlung jeder geschlossenen Dramaturgie: «Schwanengesang» ist ein offenes Konvolut letzter Stimmen.

Diese strukturelle Offenheit bildet den Ansatzpunkt für Romeo Castelluccis «Schwanengesang» am Teatro Stabile dell’ Umbria in Perugia. Der Regisseur versteht den Zyklus nicht als historisches Objekt, sondern als neu zu disponierendes Material. Aus der Haslinger-Sammlung bleibt allein das «Ständchen» erhalten; die übrigen Lieder entstammen anderen Kontexten aus Schuberts Œuvre. Der Eingriff ist radikal, aber folgerichtig: Nicht Rekonstruktion ist das Ziel, sondern existenzielle Verdichtung. Castelluccis Inszenierung entpuppt sich als asketisch-theatralische Introspektion. Auf der nahezu leeren Bühne befinden sich nur der seitlich unter dem Vorhang platzierte Pianist Alain ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2026
Rubrik: Magazin, Seite 89
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Du edles Angesicht!

Beginnen wir mit einer persönlichen Erinnerung – einer Begebenheit, die sich vor mehr als 25 Jahren zutrug. Es war Frühling in Buenos Aires. Die Jacaranda-Bäume am Rande der belebten Plazas blühten, auf den vierspurigen Avenidas küssten sich die Stoßstangen, und in den U-Bahnen stand man so hauteng beieinander, dass es schier unmöglich war, sich nicht in...

Aus Fleisch und Blut

Jean-Baptiste Lully und sein Librettist Philippe Quinault wollten mit der Erfindung der Tragédie en musique, der gesungenen Tragödie, dem klassischen Versdrama Corneilles und Racines ein Gesamtkunstwerk aus Wort und Ton, Gesang und Tanz zur Seite stellen – erstmals mit «Cadmus et Hermione» 1673, dem dann bis zu Lullys Tod 1687 Jahr für Jahr ein neues folgte....

Die Maske muss runter

Siegfried, Bergfried, Gottfried oder Wahnfried – das klingt nach germanischem Musikdrama, nach bürgerlichem Ernst, Leitmotivik und Sitzfleisch. Genauso knietief in der Nationalromantik steckt «Zornfried», der 2019 erschienene Roman von Jörg-Uwe Albig, den Philipp Krebs nun als großes Musiktheater für das Staatstheater Kassel komponiert hat. Die Geschichte beginnt...