Jubel und Betroffenheit
Ein tödlicher Zusammenbruch Giacomo Puccinis bei «Nessun dorma», ein ähnlich letaler Moment Carl Maria von Webers während des Jägerchors, das wären vergleichbare Geschehnisse. Wir wissen: Nichts davon ist passiert. Auch nicht der Exitus des in Ekstase geratenen Alexander Borodin während seiner berühmtesten Nummer, der «Polowetzer Tänze». Für bange Sekunden werden die Tänze hier unterbrochen, bis der erschrockene Kollege Rimski-Korsakow alle zum Weitermachen auffordert.
Stück und Biographie als Überblendung, auch als gegenseitige Bedingung; der Komponist als Protagonist seines Werks: Nicht unbedingt neu ist dieser Kniff. Am Gärtnerplatztheater, bei «Fürst Igor», entfaltet er starke Suggestivkraft und hilft zugleich, das auseinanderstrebende Werk zu kitten.
Borodin, mit 53 Jahren auf einem Faschingsball an einem «Herzriss» gestorben, konnte sein Opus summum nicht vollenden. Nikolai Rimski-Korsakow und Alexander Glasunow führten das Werk fort, sie sind hier zusammen mit dem um Musik Ringenden als stumme Figuren ständig präsent. Regisseur Roland Schwab verlegt das Stück in Borodins St. Petersburger Salon. Zur Ouvertüre werden Tische mit Glaskolben und dampfenden Flüssigkeiten ...
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Opernwelt April 2026
Rubrik: Panorama, Seite 57
von Markus Thiel
Auf den Stufen zur Oldenburger Friedenssäule haben es sich zwei junge Frauen in Jeansjacke und Sonnenbrille bequem gemacht. Sie blinzeln zufrieden in den Frühlingshimmel und trinken heißen Tee aus mitgebrachten Thermoskannen. Der Sockel der 6,5 Meter hohen Säule ist leer. Ursprünglich stand ein Engel aus Bronze darauf, doch der wurde 1943 eingeschmolzen, um den...
Der weise Augustinus hatte ein höchst ambivalentes Verhältnis zur Musik. Einerseits war sie ihm verwerflicher sinnlicher Genuss, eine nachgerade unsittliche tentatio, andererseits bekannte er, eben dieser Versuchung, dem verführerischen Reiz des Klingenden, in schwachen Augenblicken zuweilen zu erliegen. Blaise Pascal wiederum sah darin eine logique du cœur; für...
Beginnen wir mit einer persönlichen Erinnerung – einer Begebenheit, die sich vor mehr als 25 Jahren zutrug. Es war Frühling in Buenos Aires. Die Jacaranda-Bäume am Rande der belebten Plazas blühten, auf den vierspurigen Avenidas küssten sich die Stoßstangen, und in den U-Bahnen stand man so hauteng beieinander, dass es schier unmöglich war, sich nicht in...
