100 Minuten Tristesse
Katjas Schicksal vollzieht sich in klaustrophobischer Enge. Drei identische Räume werden 100 Minuten lang über die Bühne geschoben. Wenn die Handlung kulminiert, öffnen sich große Tore, durch die Nebel dringt. Ein Draußen gibt es nicht, jedenfalls kein sichtbares. Ein schlüssiger Ansatz, doch die dramaturgischen Verluste sind enorm. Schon als Hobby-Meteorologe kann man sich mit dieser Regie nicht einverstanden erklären.
Die große Liebesszene des zweiten Akts spielt in einer «Sommernacht»; der dritte beginnt am Ufer der Wolga: erst «regnerischer Spätnachmittag», dann kommt das Gewitter – nichts davon ist mit Nebel vereinbar.
Der meteorologische Lapsus indiziert eine ideologische Verkürzung: Alles ist öde, trist, hoffnungslos, Katja von vornherein zum Tode verurteilt. Diese Ausweglosigkeit kündigt sich tatsächlich schon im Vorspiel an. Aber inmitten dieser düsteren Welt und vor Katjas Selbstmord ereignet sich noch etwas anderes: Der Komponist, der auch das Libretto verfasste, hat da eine der subtilsten Liebesszenen der gesamten Opernliteratur eingefügt. Selbst wenn Katjas unwiderstehlich aufflammende Leidenschaft nur eine Utopie wäre – die Musik macht sie real. Aber es handelt sich ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Volker Tarnow
Eine Sekunde kann eine Ewigkeit bedeuten. Nicht nur im Sport. Auch in der Musik, als Intervall, trennt sie Welten, markiert sie womöglich den Unterschied zwischen absolut richtig und absolut falsch. Kent Nagano kann ein Lied davon singen. Dass er es singt, ehrt ihn. Weil es ein Scheitern beschreibt, dass man einem solchen Perfektionisten gar nicht zugetraut hätte....
Seit vier Jahren veranstaltet die Académie Orsay-Royaumont in der ehemaligen Zisterzienserabtei Royaumont Liedkurse, die im dritten Studienjahr von der Mezzosopranistin Stéphanie d’Oustrac und dem Pianisten Pascal Jourdan geleitet wurden. Im Abschlusskonzert am 7. Februar 2021 zeigten die ausgezeichneten Lied-Duos, was sie können, und das ist, wie man ja auch aus...
Nichts fürchtet der Mensch mehr als das Ende. Den Tod. Dabei gäbe es einigen Grund zum Trost. Denn bei Lichte betrachtet, hat der Tod mit unserem Leben nur sehr wenig zu tun. Solange man existiert, kann der Tod nicht im gleichen Raum sein, und vice versa ist dort, wo der Tod wohnt, kein Platz mehr für Lebende. Oder wie es Ludwig Wittgenstein so schön lakonisch und...
