Zurück in die Zukunft
Am Hof des greisen Kaisers Altoum und seiner kinderlosen Tochter Turandot werden die archaischen Rituale eines geschlossenen Systems praktiziert. Das wird vor tausend Jahren so gewesen sein wie vor zehntausend. Und in der Zukunft? Die Praktiken, mit denen die Prinzessin all die Bewerber um ihre Gunst mit unlösbaren Rätselfragen abfertigt, sind martialisch. Sie finden allesamt an einem symbolischen Ort in der Bühnenmitte statt, einer Mischung aus mosaischem Opferstein, Wagner’schem Brünnhildenfelsen und utopischem Brautbett.
Jüngstes Opfer ist der Prinz von Persien, den die gefühlsvereiste Thronfolgerin laut Libretto köpfen lässt. Am Grand Théâtre de Genève erniedrigt sie den erfolglosen Bewerber schon vorab – sie lässt ihn kastrieren.
Diesen für die Männlichkeit einschneidenden Vorgang muss der Regisseur nicht in blutigem Realismus vorführen: Daniel Kramer stilisiert den Schrecken, indem den Herren ein üppiges, pflanzenähnliches Gemächt entfernt wird. Schließlich befinden wir uns mit Puccinis «Turandot» im Märchenland zur Märchenzeit. Die Geschichte haben die Autoren der diversen Versionen zwar aus der jeweiligen Perspektive ihrer eigenen Kultur gelesen. Doch haben sie keine ...
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Opernwelt 8 2022
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Peter Krause
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