Zurück in die Zukunft
Am Hof des greisen Kaisers Altoum und seiner kinderlosen Tochter Turandot werden die archaischen Rituale eines geschlossenen Systems praktiziert. Das wird vor tausend Jahren so gewesen sein wie vor zehntausend. Und in der Zukunft? Die Praktiken, mit denen die Prinzessin all die Bewerber um ihre Gunst mit unlösbaren Rätselfragen abfertigt, sind martialisch. Sie finden allesamt an einem symbolischen Ort in der Bühnenmitte statt, einer Mischung aus mosaischem Opferstein, Wagner’schem Brünnhildenfelsen und utopischem Brautbett.
Jüngstes Opfer ist der Prinz von Persien, den die gefühlsvereiste Thronfolgerin laut Libretto köpfen lässt. Am Grand Théâtre de Genève erniedrigt sie den erfolglosen Bewerber schon vorab – sie lässt ihn kastrieren.
Diesen für die Männlichkeit einschneidenden Vorgang muss der Regisseur nicht in blutigem Realismus vorführen: Daniel Kramer stilisiert den Schrecken, indem den Herren ein üppiges, pflanzenähnliches Gemächt entfernt wird. Schließlich befinden wir uns mit Puccinis «Turandot» im Märchenland zur Märchenzeit. Die Geschichte haben die Autoren der diversen Versionen zwar aus der jeweiligen Perspektive ihrer eigenen Kultur gelesen. Doch haben sie keine ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt 8 2022
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Peter Krause
Die Corona-Pandemie hat die Auftrittsund Karrierechancen junger Opernsängerinnen und -sänger weit stärker noch beeinträchtigt als die von berufserfahrenen Kolleginnen und Kollegen. Es war deswegen kaum verwunderlich, dass Liz Mohn, Präsidentin der nach ihr benannten Sektion der Bertelsmann Stiftung, in ihrer Rede die Bedeutung der ursprünglich bereits für 2021...
Wohl kein Himmelskörper wurde so häufig besungen wie dieser. Zu groß seine Faszination, zu immens seine Ausstrahlung, um nicht die Feder in die Tinte zu tauchen. Die vielleicht schönste Hommage an den Mond schrieb Joseph von Eichendorff: «Es war, als hätt der Himmel / Die Erde still geküsst, / Dass sie im Blütenschimmer / Von ihm nur träumen müsst», so lautet die...
Huldigungswerke sind eine ambivalente Angelegenheit. Im Lobpreis auf den hochmögenden Herrscher – denn darin allein besteht ihr Zweck – verbirgt sich immer auch eine dem Schöpfer abgezwungene Unterwerfungsgeste. Wohl kaum ein Dichter, kaum ein Compositeur, der seinem Fürsten aus freien Stücken und mit unverstellter Begeisterung einen Lorbeer aus Versen und Tönen...
