Herr Harald
Allein der erste Satz: zauberhaft. Lakonisch, poetisch, direkt. «Da ist er.» Und dann sein Name. «Herr Harald». Herr Harald hat keinen Nachnamen, aber eigentlich hat er auch keinen Vornamen. Er ist eben – «Herr Harald». Er selbst nennt sich einen Opernliebhaber, aber das ist ein wenig untertrieben, weil Herr Harald von der Musik, die er hört, doch mehr versteht, als er zuzugeben bereit ist. Das kleine Problem ist nur: Er hört diese Musik meist nur durch die Türen, gedämpft, verfälscht, wie eine Ahnung, wie ein unerfülltes Versprechen.
Denn Herr Harald steht dort, wo ihn niemand beachtet: hinter einem hölzernen Tresen, über den hinweg die Opernbesucherinnen und Opernbesucher ihm ihre Mäntel reichen. Und manchmal auch mehr als nur diese Mäntel.
Dagmar Leupold zeichnet ihn in ihrem Roman «Dagegen die Elefanten!» (dazu gleich mehr) mit liebevoller Präzision als einen Menschen, der allein ist, aber nicht einsam. Herr Harald könnte ein Bruder von Abschaffel sein, Wilhelm Genazinos Antiheld. Auch um ihn kümmert sich niemand. Er hat keine Freunde, keine Geliebte, nicht einmal Bekannte, nur irgendwann eine Katze, die er, weil er sich über deren Existenz wundert, «Nanu» nennt (dabei heißt ...
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Opernwelt 8 2022
Rubrik: Magazin, Seite 75
von Olga Myschkina
Verdis «Aida» ist nicht ganz leicht zu inszenieren: ein sehr lautes Werk, mit vielen Chören und viel Kampfgeschrei, gerade zu Beginn. Regisseurin Jasmina Hadžiahmetović lässt den fulminanten Chor des Badischen Staatstheaters Karlsruhe inszenatorisch völlig kritikfrei sein «Guerra! Guerra! Tremenda, inesorata!» brüllen. Befinden wir uns nicht in Kriegszeiten? Warum...
Alles schwarz, so schwarz wie meine Kleider. Alles schwarz, ich seh‘ nichts andres, leider.» So sang die bekanntlich aus ehemaligen Thomanern bestehende Band «Die Prinzen» auf ihrem schönen Album «Schweine» aus dem Jahr 1995. In dem Song geht es, anders als die Worte es intendieren, überhaupt nicht um irgendeine «Schwarzmalerei» oder um «Krise». Doch wollen wir ja...
Mit dem Zölibat hat Pater Grandier keine Probleme, er nimmt es gar nicht erst ernst. Schließlich gibt es da die wohlhabende Witwe, die nicht nur geistlichen Trostes bedarf oder die junge Philippe, die er schwängert und hernach – so bleibt es Brauch in der katholischen Kirche – verstößt. Nur mit einem hat er nicht gerechnet: dass er auch die unterdrückten Begierden...
