Konkrete Utopie
Zugegeben, die Handlung verwirrt, schon allein die Fährnisse der weiblichen Hauptfigur machen schwindelig. Mag ihr Namenswechsel von Maria zu Amelia noch angehen, droht die Biografie der jungen Frau als Opfer eines Raubes, vertauschtes Findelkind, wiedergefundene Tochter Boccanegras und Enkelin seines patrizischen Erzfeindes Fiesco das Publikum zu überfordern. Und doch: Trotz solcher Einwände gegen das übermäßig Verwickelte des Werks steht fest, dass diese dramaturgischen Salti mortali Giuseppe Verdi ein packendes Musiktheater entlockten.
Fiel die Uraufführung 1857 am La Fenice in Venedig noch durch, wurde die 1881 an der Scala herausgekommene Umarbeitung, für die sich der Komponist des dramaturgischen Gespürs von Arrigo Boito versichert hatte, ein voller Erfolg. Zurecht: Wer sich heute an «Simon Boccanegra» wagt, engagiert sich für eine Oper, die kaum weniger Aufmerksamkeit beanspruchen darf als das Verdi’sche Kernrepertoire.
Laurence Dale sucht an der Opéra Royal de Wallonie Privates und Politisches zu entflechten, aber nur, um umso drastischer die Unmöglichkeit eines solchen Unterfangens zu beweisen. Nur aus der Verquickung beider Ebenen kann die konkrete Utopie erwachsen. Den ...
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Opernwelt 8 2022
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Michael Kaminski
Bereits seit 2005 nimmt das «Morgenland Festival» in Osnabrück alljährlich die Musikkultur des Vorderen Orients in den Blick und weitet die Perspektive von traditioneller Musik bis zu Avantgarde, Rock und Jazz. Höhepunkt der aktuellen Ausgabe ist ein spartenübergreifendes Projekt in Koproduktion mit dem Theater Osnabrück: «Songs for Days to Come» des aus Syrien...
Die Corona-Pandemie hat die Auftrittsund Karrierechancen junger Opernsängerinnen und -sänger weit stärker noch beeinträchtigt als die von berufserfahrenen Kolleginnen und Kollegen. Es war deswegen kaum verwunderlich, dass Liz Mohn, Präsidentin der nach ihr benannten Sektion der Bertelsmann Stiftung, in ihrer Rede die Bedeutung der ursprünglich bereits für 2021...
Allein der erste Satz: zauberhaft. Lakonisch, poetisch, direkt. «Da ist er.» Und dann sein Name. «Herr Harald». Herr Harald hat keinen Nachnamen, aber eigentlich hat er auch keinen Vornamen. Er ist eben – «Herr Harald». Er selbst nennt sich einen Opernliebhaber, aber das ist ein wenig untertrieben, weil Herr Harald von der Musik, die er hört, doch mehr versteht,...
