Wunderbar wandelbar

Sie zeigt nicht, Nadja Stefanoff ist, und das gleichermaßen auratisch wie authenisch und auch ein bisschen anarchisch, Marta, Medée, Marietta, die Marschallin, Armide, Fedora, Norma, Elettra, Juliette, Sieglinde, mit einem Wort: eine der besten Sängerdarstellerinnen unserer Zeit. Ein Porträt

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Es war ein heißer Frühsommertag in Barcelona, damals, vor mehr als zwanzig Jahren. Gidon Kremer hatte am Vorabend Beethovens sperriges Violinkonzert gespielt, und wie so oft, glich Kremers Lesart einer musikalischen Offenbarung. Nun, ein Dutzend Stunden später, saß er in der Lobby eines Hotels in der Innenstadt und wirkte wie ein Mensch, der nur eines kennt – die Traurigkeit.

Müde, matt und melancholisch wirkte Kremer, und auf die Frage, ob es ihn nicht reizen würde, seiner Geburtsstadt Riga irgendwann einen Besuch abzustatten, blickte der große Geiger den Gast fast grimmig an, schwieg eine Weile und formte dann diesen unvergessenen Satz: «Ich war schon einmal da.»

Nadja Stefanoff würde so etwas vermutlich nie sagen. Chemnitz, in diesem Jahr «Kulturhauptstadt Europas», zu jener Zeit, als sie in diese Welt geworfen wurde, aber noch Karl-Marx-Stadt genannt, ist für sie nach wie vor ein Stück Heimat. Oder doch zumindest eine Art Erinnerung daran. Ihre Mutter lebt noch dort, und ihr Vater hätte im vergangenen November beinahe seinen 100. Geburtstag an ihrer Seite gefeiert – allein, er starb ein Jahr zuvor. Als er 99 wurde, gehörte seine Tochter natürlich zu denjenigen, die ihm artig ...

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Opernwelt Februar 2025
Rubrik: Porträt, Seite 52
von Jürgen Otten

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