Wie eine Zeitbombe
Moskaus Kultur ist lebendig, ungeachtet der zweiten Pandemiewelle, die mit täglich wachsenden Infektionszahlen über die Stadt rollt. Gleichwohl haben sämtliche Opernhäuser auf «Notdienst» umgestellt. Beispielsweise konnten nicht alle angesetzten «Don Carlos»-Vorstellungen im Bolschoi Theater stattfinden: Askar Abdrasakov (Filippo) und Anna Netrebko (Elisabetta) waren beide an Covid-19 erkrankt. Einzige Premiere im Frühherbst war »Der steinerne Gast» von Alexander Dargomyschski an der Helikon-Oper. Daran hatte aber das Publikum wenig Freude.
Nicht nur musste der Abend Corona-bedingt ohne Chor stattfinden, auch gewann man den Eindruck, dass dieses einst so lebendige Theater immer häufiger nur noch flaue Dekorationsleckerbissen serviert.
Auch die beiden Festivals, auf denen die staatlichen Opern ihre Inszenierungen zeigen – die «Goldene Maske» und «Musik zum Anschauen» – sahen sich wegen akuter Krankheitsfälle gezwungen, Aufführungen abzusagen oder zu verschieben: Weder die neue patriotische Oper «Jermak» von Alexander Tschaikowsky noch das innovative Ballett «Der Befehl des Königs» erblickten das Licht der Öffentlichkeit. Dafür zeigte Alexander Zhurbin, Komponist und Vielschreiber, ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Magazin, Seite 62
von Alexej Parin
Gleich im ersten Bild von Evgeny Titovs Inszenierung der Schicksalsoper «Lady Macbeth von Mzensk» herrscht beklemmende Tristesse. Die Bühne (Christian Schmidt) ist verödet und grau, von den Wänden starrt der Schmutz; das alles erinnert doch sehr an einen verlassenen Schlachthof oder Gefängniswaschraum. Die abweisende Kälte dieses Ortes steht in diametralem...
Es ist eine Fotografie mit hohem Symbolwert: Bonn, der Münsterplatz, 1945. Wohin das Auge schaut, Schutt und Asche. Lediglich zur Linken sieht man ein Gebäude, das von den Bomben verschont blieb. Und in der Mitte eine Statue, wie durch ein Wunder (oder durch höhere göttliche Eingebung?) unberührt, einsam, aber mächtig, in klassischem Faltenwurf. Das...
Carmela, zehn Jahre alt, ist Fremde in einem fremden Land. Sie wurde zwar in Palermo geboren, als Tochter ghanaischer Eltern, doch die italienische Staatsbürgerschaft bleibt ihr verwehrt. Dass das Mädchen sich trotzdem heimisch fühlt, hat mit einer Musikinitiative zu tun, dem so genannten Regenbogenchor. Vor sechs Jahren ist er am Teatro Massimo gegründet worden,...
