Geschmackvoll
Eine einzige Arie hat der Fürst Gremin in «Eugen Onegin» zu singen – Sava Vemić beschert sie am Gärtnerplatztheater dennoch den größten Szenenapplaus des Premierenabends. Und zu Recht. Einen Bass von solch authentischer Schwärze und derart wohlgerundeter Klangfülle hat in einer an tiefen Stimmen armen Zeit nicht jedes Haus in seinem Ensemble. Wie man hier überhaupt stolz ist, Tschaikowskys Oper gleich doppelt aus den eigenen Reihen besetzen zu können.
Mit kernig virilem, zugleich elegantem Bariton gibt Mathias Hausmann einen auch darstellerisch idealen Titelhelden ab. Camille Schnoor verfügt für die Tatjana über die nötige Mittellage, die sie auch in ein feines Piano zurücknehmen kann. Die emotionale Entäußerung geht Schnoor freilich noch so kontrolliert an, dass sie etwas kühl wirkt. Dafür klingt Lucian Krasznec als Lenski gerade aufgrund seiner intensiven Gestaltung bisweilen schneidend. Doch die Arie «Kuda, kuda» singt er in berührend feinen Verzweiflungsschattierungen.
Dass er seine Olga (mit schönem, frischem Mezzo: Anna-Katharina Tonauer) zuvor nicht küssen darf, motiviert die Inszenierung durch das Einschreiten von deren Mutter Larina, die Ann-Katrin Naidu zur echten ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Michael Stallknecht
Kein Mond, nirgends. Das Universum ist schwarz. Und doch schwebt das ferne, dabei so nahe menschengesichtsgleiche Gestirn über allem, was die Muse dem Dichter eingab, was sein Gefühl durchflutet. Immer wieder ruft Pierrot, fantastische Gestalt im Weltinnenraum, diesen nächtig todeskranken Planeten an, der da auf des «Himmels schwarzem Pfühl» wohnt und dessen Blick,...
Man müsse, schrieb der Dichter Charles Baudelaire 1851 in einem Aufsatz über Pierre Dupont, den populären Chansonnier der 1848er-Revolution, «ein Werk sich anverwandeln, um es recht auszudrücken». Der Bariton Laurent Naouri hat sich diese Devise zu eigen gemacht, wenn er jetzt eine CD vorlegt, auf der er französische Lieder von Gabriel Fauré, Claude Debussy und...
Philosophisch betrachtet, ist die Angelegenheit gar nicht so kompliziert, wie sie klingt. Alles Erkennen ist Erinnerung. Und das ganze Leben eine Wiederholung. Wiederholung und Erinnerung sind die gleiche Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung. Verfehlt man beide Kategorien, löst sich das ganze Leben in leeren Lärm auf. Vertraut man auf sie, ist man womöglich...
