Opus ultimum
Bis heute weiß niemand, warum es im Jahr 1763 nicht mehr zur Uraufführung von «Les Boréades» kam, obwohl bereits Proben für Jean-Philippe Rameaus letzte Oper stattgefunden hatten.
War es das veraltete Genre der tragédie lyrique, an dem der knapp 80-Jährige festhielt, nachdem er zuvor jahrelang nichts Neues mehr komponiert hatte? Oder war es gerade die Neuheit der Partitur, die dem Orchester ausgefeilteste Raffinessen besonders im Rhythmus abverlangt? Oder doch das latent revolutionäre Gedankengut des Librettos, in dem die weibliche Hauptfigur Alphise die standesmäßig gebotene Ehe mit einem der Boreaden, den Söhnen des Nordwinds, ablehnt und gegen alle Widerstände an ihrer Liebe zum unbekannten Abaris festhält, der sich am Schluss als Sohn Apolls, also quasi der Aufklärung persönlich, entpuppt? Doch den französischen Hof hätte der eigensinnige Komponist damit wohl kaum mehr schrecken können, war doch die Revolution in den Köpfen der realen um Jahrzehnte vorausgegangen.
Bis zur szenischen Uraufführung 1982 (!) in Aix-en-Provence unter John Eliot Gardiner sollte es jedenfalls dauern. Trotz einiger weniger, aber immer aufsehenerregender szenischer Produktionen ist die CD davon ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Michael Stallknecht
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