Werktreue als Alibi und Herausforderung
Dass eine Frau im Rentenalter ihre Jungfräulichkeit mit Zähnen und Klauen verteidigt und dabei jede Menge Männer über die Klinge springen lässt, wäre ein reizvolles Sujet für einen psychologischen Kino-Thriller, es ist aber nicht unbedingt das Thema von Puccinis «Turandot». Die überreife Prinzessin, die Luana DeVol in Barcelona zum Besten gibt, klingt dabei noch relativ frisch gegenüber der an Jahren jüngeren Kollegin Eva Marton in San Francisco, deren berüchtigtes Altersvibrato da wahre Orgien feiert.
Doch ganz unabhängig von solchen problematischen Besetzungen ist es ärgerlich, dass Puccinis unvollendeter Schwanengesang, in dem traditionelle Gesangsoper und musikalische Avantgarde eine spannungsreiche Symbiose eingehen, überall auf der Welt zu reinen Ausstattungsspektakeln missbraucht wird. Sowohl Ezio Frigerio und Franca Squarciapino in Barcelona als auch David Hockney in San Francisco haben dem Auge einiges zu bieten, doch in dem ganzen Farbenrausch und inmitten des Gewusels der Menschenmassen gewinnen die handelnden Personen keinerlei Kontur, bleiben völlig im Gestenkanon der alten Rampenoper gefangen. Dabei können Michael Sylvester und Lucia Mazzaria als Calaf und Liù in ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Manchmal schnürt der Zufall spannende Pakete. Etwa, als sich Frank Martin im Frühjahr 1938 mit dem «Tristan»-Roman des wenige Monate später gestorbenen Mediävisten Joseph Bédier beschäftigte. Just zu diesem Zeitpunkt fragte Robert Blum bei Martin an, ob er nicht ein rund halbstündiges Stück für seinen Madrigalchor komponieren wolle. So kamen der Tristan-Stoff,...
Zunächst spricht ein Mann mit seinem Bier. Dann kommt Wladimir Putin ins Bild mit einer Rede an die russische Nation, in der er die Aussetzung der Abrüstungsverträge ankündigt. Hierauf sieht man Condoleezza Rice mit süffisantem Lächeln Putin einen Hysteriker heißen, der wegen ein paar Raketen durchdrehe. Werbung, News, der ganz alltägliche Wahnsinn im Fernsehen an...
«In Osten wob ich. In Westen wand ich». Klingt nach Wagner. Stimmt auch. Das Zitat stammt aus der Kompositionsskizze zu «Siegfrieds Tod» von 1850. Bereits für ihr Weimarer «Rheingold» hatten Regisseur Michael Schulz und Dramaturg Wolfgang Willaschek aus dem Fragment Stoff für einen Prolog gewonnen. Vor Beginn der «Walküre» nun wird die Vorgeschichte der Oper stumm...
