Was für ein Chor!
Manchmal schnürt der Zufall spannende Pakete. Etwa, als sich Frank Martin im Frühjahr 1938 mit dem «Tristan»-Roman des wenige Monate später gestorbenen Mediävisten Joseph Bédier beschäftigte. Just zu diesem Zeitpunkt fragte Robert Blum bei Martin an, ob er nicht ein rund halbstündiges Stück für seinen Madrigalchor komponieren wolle. So kamen der Tristan-Stoff, Martin und der Mix einer Oratoriums-Kammer-Chor-Oper zusammen.
Wo Wagner mit großer Geste, großem Apparat und großem Gefühl operiert, entwirft Martin ein Werk der kleinen Gesten und Nuancen, vergleichbar allenfalls im peniblen Umgang mit Sprache.
Bei der gewichtigen Rolle des Chores hat sich Martin an die alten Griechen erinnert, in deren Tragödien der Chor stets die Funktion des Kommentierens und Erzählens übernimmt. Bei Martin benennt der Chor – mit wechselnder Stimmenzahl und -kombination – den Rahmen, innerhalb dessen die Figuren agieren. Passend zu Bédiers Text, der sich streng an die mittelalterlichen Vorlagen hält, stützt sich der Komponist auf ältere musikalische Formen wie Choralgesang, Madrigal und Psalmodie. So entsteht ein äußerst feines Geflecht aus sinnlicher Erfahrung und schlichtem Bericht, aus ...
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