Jedermanns Abstieg
Zunächst spricht ein Mann mit seinem Bier. Dann kommt Wladimir Putin ins Bild mit einer Rede an die russische Nation, in der er die Aussetzung der Abrüstungsverträge ankündigt. Hierauf sieht man Condoleezza Rice mit süffisantem Lächeln Putin einen Hysteriker heißen, der wegen ein paar Raketen durchdrehe. Werbung, News, der ganz alltägliche Wahnsinn im Fernsehen an jenem Abend des 26. April 2007. Alles läuft über einen Bildschirm, der die ganze Bühnenöffnung im Klagenfurter Stadttheater einnimmt.
Irgendwann während der Bilderdusche gleiten die Streicher beinahe unbemerkt hinein ins Miniglissando, meckert das Holz, buchstabiert das Englischhorn sein «Hauptmann»-Thema, erhebt sich in der Proszeniumsloge links ein Herr mit hoher Stirn und beklagt die mangelnde Moral eines Menschen namens Wozzeck. Worauf der Angesprochene aus der Loge gegenüber kontert, Moral sei eine Frage des Geldes, und wer arm sei, müsse im Himmel donnern helfen.
Es geht um Alban Bergs Büchner-Oper. Doch Regisseur Olivier Tambosi sieht die Gründe für Wozzecks extremen Pinkeldrang, die Ausfallserscheinungen und Halluzinationen, den Verfolgungswahn nicht bei den an Büchners Soldaten durchgeführten Experimenten mit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Der Stoff der «Karmeliterinnen», so schreibt Francis Poulenc in einem biografischen Rückblick, habe ihn zunächst zweifeln lassen: eine Oper ohne Liebeshandlung? Ein Vertreter des Regietheaters wie Jörg Behr hat damit keine Probleme: Er erfindet eben eine. Und zwar eine inzestuöse zwischen der jungen Blanche und ihrem Vater, dem Marquis de la Force. Leicht...
«In Osten wob ich. In Westen wand ich». Klingt nach Wagner. Stimmt auch. Das Zitat stammt aus der Kompositionsskizze zu «Siegfrieds Tod» von 1850. Bereits für ihr Weimarer «Rheingold» hatten Regisseur Michael Schulz und Dramaturg Wolfgang Willaschek aus dem Fragment Stoff für einen Prolog gewonnen. Vor Beginn der «Walküre» nun wird die Vorgeschichte der Oper stumm...
Das Beste am Christentum sei, dass es Ketzer hervorgebracht habe, bemerkte der Philosoph Ernst Bloch einmal. Ob José Maria Sánchez-Verdú die Schriften Blochs kennt, sei hier dahingestellt. Doch eines haben der deutsche Denker, der bis zu seinem Tod 1977 mit Marx- und Engelszungen die Utopie einer im Diesseits erlösten Welt predigte, und der 1968 geborene spanische...
