Wenn der Schleier fällt
Eine verschleierte Frau auf die Bühne zu bringen, birgt gewisse Gefahren. Das Motiv ist derzeit stark konnotiert, der Vorwurf der Islamophobie liegt allzu nahe. Zwar lässt sich die «verhüllte» Königin der Nacht noch unter altägyptischem Mummenschanz verstecken, den es freimaurerisch zu entrümpeln gilt, auch Salomes sieben Schleier sind als erotisches Accessoire erschöpfend definierbar.
Wirklich gefährlich wird es jedoch im Fall von «König Kandaules»: Zemlinskys 1933 begonnene Oper stellt die Verschleierung ins Zentrum und damit unangenehme Fragen: Wozu eine solche Maßnahme, was heißt das für die Trägerin, und was bedeutet Entschleierung? Das Anhaltische Theater beschäftigt sich mutig mit ihnen und ohne in vordergründige Hermeneutik abzugleiten.
Drei hervorragend besetzte Hauptrollen garantieren den Erfolg: Tilmann Ungers eleganter Tenor ist bestens geeignet, die ambivalenten Gefühlsregungen des Königs zu verkörpern, Kay Stiefermann verleiht als kernig-dramatischer Bariton dem Fischer Gyges packende Bühnenpräsenz, und Iordanka Derilova, Grande Dame des Hauses, dringt mit ihrer Schlussarie in Dimensionen vor, die gewöhnlich einer Brünnhilde vorbehalten sind. Überhaupt gehört dieses ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2023
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Volker Tarnow
Prinz Harrys Enthüllungen der Sauereien im englischen Königshaus wirken fast wie das Greinen eines beleidigten Kindes im Vergleich zu dem Anblick, der sich uns am Beginn der Ouvertüre von Donizettis «Roberto Devereux» bietet. Auf der Bühne liegt die enthauptete Anne Boleyn in einer Blutlache, ihr Henker steht noch mit gezücktem Degen vor der Leiche; im Hintergrund...
JUBILARE
Aus dem oberfränkischen Rehau stammt der dort am 15. April 1953 geborene Klaus Angermann. Er studierte Musikwissenschaft an der Freien Universität Berlin sowie an der Philipps-Universität Marburg und schließlich bei Helga de la Motte-Haber an der Technischen Universität Berlin. Von 1985 bis 1990 beschritt er zunächst auch eine Laufbahn als Sänger und trat...
1917, auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs und in den Straßen der vernarbten Städte sterben seit Jahren völlig sinnlos Millionen von Menschen, schreibt Walter Hasenclever ein bitterbös-gnadenloses Gedicht: «Die Mörder sitzen in der Oper!» Und kaum gewaltiger könnte der Unterschied zwischen den Sphären sein, die der Dichter in scharfschneidende,...
