Feuer im Eis
Leise rieselt der Schnee. Unablässig, dichter und dichter werdend, eine Stunde lang. Die Figuren müssen sich in dieser Winterlandschaft vorkommen wie der brave Hans Castorp aus Thomas Manns «Zauberberg», der sich bei einem Ausflug ins Gebirg’ zusehends verirrt und von den Schneemassen fast zugeschüttet wird. Eine Grenzerfahrung birgt auch Romeo Castelluccis Winterlandschaft, vor allem für Leukippos, den tapferen Hirten, der stürmisch und sterblich in Daphne verliebt ist, seine Gespielin aus vormaliger (besserer?) Zeit, sowie für die Bergnymphe und Priesterin der Gaea selbst.
Doch sie sucht förmlich nach dieser grundsätzlichen Naturerfahrung, ahnend, wenn nicht wissend, dass sie zu den Menschen nicht gehen will, zu ihrer Oberflächlichkeit, Selbstbezogenheit und Lieblosigkeit. Daphne, die radikal Andere, rebelliert bewusst gegen verkrustete gesellschaftliche Konventionen, die ihr eine «Rolle» zuschreiben, die sie nicht mag, ja nicht einmal «spielen» will. Dann doch lieber bei sich sein, solipsistisch-autonom, in (und mit) der Natur. Schon nach wenigen Minuten, der markante Hornruf zum Dionysos-Fest ist ungehört verhallt, entledigt sich Vera-Lotte Boecker ihres schützenden Mantels, ...
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Opernwelt April 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Jürgen Otten
Oper trifft auf Clubkultur – kreative Reform oder Höhepunkt der Gentrifizierung? In Kooperation mit dem Neuköllner Rollbergkiez brachte die Komische Oper Berlin nun ein Festival für modernes Musiktheater ins Areal der ehemaligen Kindl-Brauerei, wo heute unter anderem der beliebte SchwuZ-Club residiert.
Viel Subkultur wagte das als experimentierfreudig bekannte...
Mit seiner Inszenierung von Wagners «Parsifal» – einer der tiefsinnigsten und bildmächtigsten Regiearbeiten während der Intendanz von Peter Gelb – feierte François Girard 2013 einen Triumph an der Met. Enttäuschend fiel dagegen sieben Jahre später seine Lesart des «Fliegenden Holländers» aus, mit einer ineffektiven Personenführung und überflüssigen Videoeffekten....
Unter den vier großen französischen Opern Meyerbeers fristet die erste eine Existenz als armer Verwandter. Das Werk von 1831 erscheint nur noch selten auf der Bühne, bis heute wurde es nie im Studio eingespielt. Dieses Desinteresse hängt wohl wesentlich mit dem Mix aus komischen und tragischen Elementen zusammen. Die italienische Opera semiseria sollte um 1850...
