Wem die Stunde schlägt

Sebastian Weigle und Harry Kupfer stellen in Frankfurt eine eigene Fassung von Glinkas «Iwan Sussanin» vor

Damals, 1836 in Sankt Petersburg, gab es nach dem Polenakt keinen Applaus. Trotz der prächtigen Tänze und Gesänge, mit denen Michail Glinka ihn in seiner neuen Oper servierte. Die Polen hatten schließlich erst sechs Jahre zuvor versucht, den russischen Zaren loszuwerden, der ihnen vom Wiener Kongress als König vorgesetzt worden war. Jetzt saß Nikolaus I. im Publikum und hatte gerade noch mal unterstrichen, wer hier der Chef war – indem er «Iwan Sussanin» in «Ein Leben für den Zaren» umbenennen ließ. Da konnte man schlecht schunkeln zur Mazurka.



Gut 190 Jahre später hagelt es an der Oper Frankfurt Buhs an ebendieser Stelle. Regisseur Harry Kupfer und Dramaturg Norbert Abels haben «Iwan Sussanin» in den Zweiten Weltkrieg verlegt, vor Moskau stehen die Deutschen. Ein Panzer reckt das Rohr in den Saal. «Berlin-Warschau-Moskau» hat man auf den Bug gepinselt. Die Deutschen singen deutsch. Unschlüssig ist das nicht. Doch ganz offensichtlich hat mancher ordentlich daran zu knabbern, den Nazi-Imperialismus so nachdrücklich aufs Brot geschmiert zu kriegen. Mag sein, dass einige auch aus mehr oder weniger spezifischen Bedenken in Sachen Werktreue mucken: Diese Sprachcollage ist ein unüberseh- ...

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Opernwelt Dezember 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Wiebke Roloff

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