Wem die Stunde schlägt
Damals, 1836 in Sankt Petersburg, gab es nach dem Polenakt keinen Applaus. Trotz der prächtigen Tänze und Gesänge, mit denen Michail Glinka ihn in seiner neuen Oper servierte. Die Polen hatten schließlich erst sechs Jahre zuvor versucht, den russischen Zaren loszuwerden, der ihnen vom Wiener Kongress als König vorgesetzt worden war. Jetzt saß Nikolaus I. im Publikum und hatte gerade noch mal unterstrichen, wer hier der Chef war – indem er «Iwan Sussanin» in «Ein Leben für den Zaren» umbenennen ließ. Da konnte man schlecht schunkeln zur Mazurka.
Gut 190 Jahre später hagelt es an der Oper Frankfurt Buhs an ebendieser Stelle. Regisseur Harry Kupfer und Dramaturg Norbert Abels haben «Iwan Sussanin» in den Zweiten Weltkrieg verlegt, vor Moskau stehen die Deutschen. Ein Panzer reckt das Rohr in den Saal. «Berlin-Warschau-Moskau» hat man auf den Bug gepinselt. Die Deutschen singen deutsch. Unschlüssig ist das nicht. Doch ganz offensichtlich hat mancher ordentlich daran zu knabbern, den Nazi-Imperialismus so nachdrücklich aufs Brot geschmiert zu kriegen. Mag sein, dass einige auch aus mehr oder weniger spezifischen Bedenken in Sachen Werktreue mucken: Diese Sprachcollage ist ein unüberseh- ...
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Opernwelt Dezember 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Wiebke Roloff
Die witzig verspielte Inszenierung von Richard Strauss’«Ariadne auf Naxos», die der deutsche Regisseur Aron Stiehl 2013 im Theater St. Gallen vorgestellt hat, ist in bester Erinnerung. Seine jüngste Arbeit in diesem Haus, sie gilt Giuseppe Verdis «Macbeth» in der auf Italienisch gegebenen Pariser Fassung von 1865, hält diese Höhe nicht; vor allem in der...
Das Streichersextett spielt die ersten Akkorde, da zerreißt ein Heulton den kammermusikalischen Wohlklang. Fliegeralarm, wie üblich. Die Musiker tragen ihre Geigen und Celli gelassen Richtung Bunker, der Hausdiener klappt routiniert den Deckel des Spinetts zu und wartet die Bomben ab. Wir befinden uns im Jahr 1942, zur Zeit der Uraufführung von Richard Strauss’...
Eine Dramaturgie der feinen Art: Intendant Marc Clemeur bezieht an der Opéra du Rhin «Ariane et Barbe-Bleu» von Dukas (siehe OW 6/2015) auf Faurés wenig später entstandene «Pénélope» und gibt sie demselben Regisseur. So entsteht ein ungewöhnliches Diptychon: zwei Opern, die Opernhaftes hinter sich lassen, sich introvertiert geben und doch auf ehrgeizige Weise...
