«Was Wunder wimmerst du hier?»

Wagners Antisemitismus war schon vielen seiner Zeitgenossen sus­pekt. Es gab nicht wenige darunter, die sich sicher waren, dass er sich in den Musikdramen des «Meis­ters» niederschlug – und keineswegs nur in den Schriften. Gustav Mahler etwa hatte an Mimes Herkunft keinen Zweifel, Wilhelm Kienzl verortete «Parsifal» im Kampf gegen alles Jüdische. Viele Rezensenten und später auch Adorno dachten ­ähnlich, selbst wenn sie den Komponisten Wagner bewunderten. Ob sich antisemitischer ­Subtext in Wagners Werken allerdings konkret nachweisen lässt, darüber streiten Musik- und Kultur­wissenschaftler bis heute. Abschließbar wird die Debatte niemals sein. In «Opernwelt» meldet sich Martin Geck, einer der profiliertesten deutschen Musikwissenschaftler und ­Gründungsredakteur der neuen ­Wagner-Gesamtausgabe, zu Wort.

Opernwelt - Logo

An Wagners abstoßendem Antisemitismus kann es keinen Zweifel geben. Bis heute wird jedoch kontrovers diskutiert, ob sich dieser Antisemitismus auch in seinem musikdramatischen Werk niederschlägt. Im Richard-Wagner-Handbuch von 1986 verficht der Literaturwissenschaftler und Wagner-Kenner Dieter Borchmeyer mit aller Leidenschaft und in erklärter Wendung gegen Theodor W. Adorno die These, Wagner habe «sein musikdramatisches Werk trotz seiner heftigen antijüdischen Polemik von antisemitischen Tendenzen durchaus freigehalten».

Er meint dies «gegenüber anderslautenden spekulativen Behauptungen philologisch festhalten» zu können (S. 160).
Demgegenüber hat der amerikanische Germanistikprofessor Marc A. Weiner in seinem 1995 im englischen Original und 2000 in deutscher Übersetzung erschienenen Buch «Richard Wagner and the anti-Semitic Imagination» beachtliche Argumente für das Gegenteil vorgestellt. Zwar mag die Quintessenz der Untersuchungen, dass nämlich «das Programm des Hasses und die Unwiderstehlichkeit der Musik» auf letztlich unerklärliche Weise aufeinanderträfen, in ihrer Hilflosigkeit kaum zu überzeugen. Spannend sind jedoch die Belege, die Weiner für die kulturelle Codierung des ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2007
Rubrik: Thema, Seite 40
von Martin Geck

Vergriffen
Weitere Beiträge
Über den Dächern von ­Paris

An couleur locale wird in diesem «Cardillac» nicht gespart: Kaum eine Gelegenheit lässt die Produktion der Bastille-Oper aus, um daran zu erinnern, dass Paul Hindemiths 1926 uraufgeführte Krimi-Oper nach Hoffmanns «Fräulein von Scuderi» in Paris spielt. Immer wieder eröffnen sich Ausblicke auf den Eiffelturm, und die Ergreifung des mörderischen Goldschmieds im...

Nicht nach Goethe

«Dieser Faust ist Gemeingut der Menschheit» – das sagte Nikolaus Lenau (1802-1850), um sich gegen das scheinbare «Faust»-Monopol Goethes zu wenden. So verfasste Lenau 1835 seinen eigenen «Faust», zwar in Knittelversen, aber in Handlungsverlauf und Sicht auf die Faust-Figur entscheidend von Goethe abweichend. Lenaus Faust trägt nihilistische Züge, sein Weltbild...

«Eine gewisse Normalität behalten»

Frau Wagner, war es Ihr Wunsch, ausgerechnet mit den «Meistersingern» in Bayreuth zu debütieren?
Mein Vater hat mir die «Meistersinger» angeboten und zwar unmittelbar nach der Premiere meiner «Lohengrin»-In­szenierung in Budapest. Da war er sich sicher, dass ich mit einem Chor umgehen kann (lacht). Im Ernst: Die «Meis­tersinger» liegen ihm sehr am Herzen, und gerade...