Was für ein Würstchen!

Carmen als hohe Frau, Don José als gekränkter Mann: Nadja Loschky zieht in Dresden klare Linien – klug, aktuell, aber nicht immer gerecht

Opernwelt - Logo

So sieht er also aus, der gekränkte Mann, frisch, nach vollbrachter Tat: das Hemd blutverschmiert, die Haare wirr, den Mund voller Entschuldigungen. «Du hast dich lustig gemacht über mich!», «Du hast meine Karriere verdorben!», «Du bist ein Dämon!» Wir hören Don José, dargestellt vom Klaus-Kinski-haft berserkernden Schauspieler Lasse Myhr, und denken an die autoritären Machthaber dieser Tage: Putin, Trump, Erdoğan, sich in ihrer Ehre von was auch immer gekränkt fühlende Männer, die ihre Kränkung in die Aggression ableiten.

Wir denken an die vielen Menschen, die diese Männer gewählt haben, weil sie sich in ihrer eigenen Frustration abgeholt fühlen. Und wir stellen fest, dass Nadja Loschky in ihrer Dresdener «Carmen» so etwas wie den Archetypus unserer gegenwärtigen Epoche auf die Bühne gestellt hat. Vielleicht wird man später ja einmal vom «Zeitalter des gekränkten Mannes» sprechen.

Bei Loschkys Semperoper-Debüt steht Don José fast immer auf der Bühne – als Schauspiel-Double, das die Erzählperspektive zu unterstreichen hat. Bizets «Carmen», das ist bei der Intendantin des Theaters Bielefeld eigentlich ein «Don José». Carmen selbst erscheint nur als geheimnisvolle Dame, meist in ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 28
von Clemens Haustein

Weitere Beiträge
Feminismus light

Immerhin diese Frage klärt die Regie: Was passiert eigentlich mit den Menschen im Umfeld der Hauptfigur? Mit denjenigen, die ständig auf Tuchfühlung sind mit der Kranken, manchmal auf Hautkontakt wie der unglückselige Alfredo. Letzterer, hohlwangig, blass und mit Augenringen, führt im letzten Bild vor: Er hat sich angesteckt. Andere auch. Aber eigentlich tut das...

Ein bisschen Frieden

Siebenundzwanzig Takte gewähren nicht gerade viel Zeit und Raum, so man eine dichtgewebte Atmosphäre kreieren möchte. Giuseppe Verdi jedoch genügten sie, um das Meer vor Genua in klangmalerische, fast impressionistische Töne zu fassen – wie es wogt und schäumt, sanft hin- und herschaukelt in der Abendsonne, wie es erst vorsichtig (pianissimo), später dann, ab Takt...

Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein

Es ist leider nicht bekannt, ob die Fürstin Feldmarschallin Werdenberg, Kosename «Bichette», eine eifrige Nietzsche-Leserin war. Lauscht man ihrer von milden F-Dur-Klängen ummantelten Introspektion im ersten Akt von Strauss’ «Rosenkavalier», darf man allerdings davon ausgehen. Wie sonst wüsste sie so genau um das Wesen menschlicher Existenz, um die Vergänglichkeit...