Wanderer, wohin führt dich dein Weg?

Eine anrührende Wiederentdeckung: Olena Tokar und Stephan Genz singen Orchesterlieder von Othmar Schoeck

Opernwelt - Logo

Stellen wir uns die Szene vor: ein Wanderer, einsam und allein, verbunden nur mit der Natur, die ihn schützend umgibt, ihn zugleich aber auch auf seine solipsistische Existenz verweist. Da hockt er nun inmitten der mächtigen Felsen, von still und träge vorüberziehenden Nebelschwaden eingehüllt, und hat sein Lied bereits gesungen. Was er vernimmt, ist nur das Echo, das von den Steinwänden zurückprallt: sanft und doch geheimnisumwittert, dunkel, zugleich süßlich-schwer, bald irgendwo zwischen den Bäumen verhallend.

«Nachhall» heißt der Liedzyklus für Singstimme und Orchester, den Othmar Schoeck in späten Lebensjahren, zwischen 1954 und 1956, zu Papier brachte, gleichsam als ein Psychogramm seiner in Unwucht geratenen Seele. Durch einen Herzanfall geschwächt, in der Welt an den Rand gedrängt, musikalisch wie menschlich sich missverstanden wähnend, zieht er klingendes Fazit. Und findet, um seine Traurigkeit in angemessene Töne kleiden zu können, in Nikolaus Lenau auch gleich den passenden Dichter. «Hast du schon je dich ganz allein gefunden, / Lieblos und ohne Gott auf einer Heide, / Die Wunden schnöden Missgeschicks verbunden / Mit stolzer Stille, zornig dumpfem Leide?» – so beginnt ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2024
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 46
von Jan Verheyen

Weitere Beiträge
Liebe auf dem Laufsteg

Rameau oder Pergolesi, so lautete um 1750 die Preisfrage im Ästhetenstreit der Querelle des Buffons. Ein harmloses Wortgefecht, wie sich 1774 zeigen sollte, als Glucks «Iphigénie en Aulide» und «Orfeo ed Euridice» wie Bomben in die Pariser Theaterwelt einschlugen und über Nacht die Existenz der französischen und italienischen Schule in Frage stellten. Deren...

Insel der Glückseligen

Als im Grand Théâtre de Provence ein Gluck-Marathon aus seinen beiden «Iphigénie»-Opern das Festival eröffnet, gehen in Paris Tausende auf die Straße, um gegen den Erfolg der extremen Rechten bei den französischen Parlamentswahlen zu protestieren. Die Eröffnungswoche in Aix, in der täglich eine Premiere stattfindet, liegt in jener ersten Juliwoche, die dem Schock...

TV, Streams, Kino 9/24

arte
01.09. – 17.40 Uhr
Sergiu Celibidache und die Berliner Philharmoniker
Der junge Sergiu Celibidache formt nach dem Zweiten Weltkrieg die Berliner Philharmoniker. Als diese ihm zugunsten von Herbert von Karajan den Posten des Chefdirigenten verweigern, kommt es zum Bruch. Erst 1992 treffen Celibidache und das Orchester wieder aufeinander – auf Bitten des...