Wahn und Wirkung
Lange war Houston Stewart Chamberlain (1855-1927) für die Forschung persona non grata. Man wollte mit dem Rassentheoretiker, der es im Wilhelminischen Reich zum Bestsellerautor brachte, die Ideologie des Wahnfried-Kreises um Cosima Wagner fermentierte und der schließlich von den Nazis zum «Seher von Bayreuth» überhöht wurde, nichts zu tun haben. Die einzige verfügbare Monografie stammte aus dem Jahr 1981. Erst die jüngste Forschung interessiert sich wieder für Chamberlain, einige Ergebnisse stehen kurz vor der Veröffentlichung.
Udo Bermbach beschäftigt sich freilich seit vielen Jahren mit Richard Wagner, hat zu dessen Rezeption in Deutschland einen gewichtigen Band vorgelegt (siehe OW 7/2011) und ist Chamberlain auf diesem Weg immer wieder begegnet.
Dass Chamberlain nicht nur von Kaiser Wilhelm II. und völkischen Propagandisten begeistert gelesen wurde, sondern auch von politisch völlig anders perforierten Geistern wie George Bernard Shaw oder Egon Friedell und dass ein arrivierter Theologe wie Adolf von Harnack ihn zumindest teilweise ernst nahm, macht für den Ideengeschichtler Bermbach eine wesentliche Faszination des Themas aus. Über die Grenzen des Themas ist er sich allerdings ...
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Opernwelt August 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 28
von Stephan Mösch
Aus und vorbei! Mit Louis Varneys «Les Mousquetaires au couvent» von 1880 ist die Ära Jérôme Deschamps an der Pariser Opéra Comique zu Ende gegangen. Der Intendant gönnte sich aus diesem Anlass das Vergnügen, wieder mal zu zeigen, dass er vor allem Künstler ist: Nicht nur zeichnet er für die Regie verantwortlich, er übernahm auch die Sprechrolle des Gouverneurs....
Gespenstisch ist das. Weniger der Holländer selbst – eher, was sich in Balázs Kovaliks vieldeutig ironischer Inszenierung von Wagners Oper im Budapester Palast der Künste in den Chorszenen tut. In Reih und Glied, im Gleichschritt marsch, die Augen rechts, manche Gesten sind so hohl, dass ganze Völker darin Platz haben. Wimpel werden geschwungen, Nationalflaggen...
Wunderbar, wie in der Ouvertüre die Soloklarinette als jäh aufschießende Flamme die Allegro-Erregungen des Orchestertuttis durchbrach, an Klangmacht der impetuösesten Trompete nicht nachstehend und doch so viel verwandter einer transzendierten Menschenstimme. Auch die Hörnergruppe des Staatsorchesters, leicht aufgeraut und virtuos eloquent, hatte unter der...
