Körperlos durch den Orkus
Der Himmel ist blau, Möwen ziehen schräg durchs Blickfeld, eine Frühsommerbrise weht über das Ij, die Binnenalster von Amsterdam. Du liegst am Kai in einem blendend weißen Bett, neben dir eine sommersprossige Schöne, die dir Geschichten ins Ohr raunt ‒ von Kindern, die nachts aufwachen und ihre Eltern suchen, von der Hoffnung auf Glück und der notwendigen Enttäuschung. Und während du noch darüber nachdenkst, ob du selbst gemeint sein könntest, ist deine Zeit um, und der Nächste wartet auf seine Geschichte.
In Amsterdam, beim Holland Festival, ist auch das Bettgeflüster ein Kunstakt ‒ auf einer Hafenpier, in der U-Bahn oder mitten auf dem belebten Dam vor dem Königsschloss. Der argentinische Theatermacher Fernando Rubio legt uns in seiner Aktion «Todo lo que está a mi lado» (Alles an meiner Seite) zu Schauspielerinnen ins Bett. Und überhaupt erheben bei der 68. Ausgabe des Holland Festivals, das erstmals von einer Frau, der Schottin Ruth Mackenzie, geleitet wird, die Frauen vernehmlich ihre Stimme: als Verführerin wider Willen wie in Alban Bergs «Lulu» in der Inszenierung von William Kentridge (siehe OW 7/2015), als knallharte Geschäftsfrau aus China wie in Arnoud Noordegraafs neuer ...
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Opernwelt August 2015
Rubrik: Panorama, Seite 36
von Michael Struck-Schloen
Über eine längere Weile hin verdämmert das Licht, und irgendwo im Off, in den Katakomben der Träume, spielt Elisabeth Leonskaja Schumanns «Geistervariationen» von 1854. Unter diesem Namen sind sie bekannt geworden, weil eine Engelserscheinung (oder aber jene Schuberts) das Thema vorgegeben haben soll. Es passiert im Theater an der Wien, gegen Ende des letzten...
Kurz vor elf ist der Kleine Dorfsaal in der Volksschule voll besetzt. Noch macht er sich rar, der berühmte Pensionär, auf den alle warten. Aber dann strebt er plötzlich zum Podium, durch silbergraue Reihen. Das Durchschnittsalter des Publikums: siebzig plus. Über «Die Kunst des Klavierspiels» soll Alfred Brendel sprechen. Ein uferloses Thema. Aber natürlich geht es...
Aus und vorbei! Mit Louis Varneys «Les Mousquetaires au couvent» von 1880 ist die Ära Jérôme Deschamps an der Pariser Opéra Comique zu Ende gegangen. Der Intendant gönnte sich aus diesem Anlass das Vergnügen, wieder mal zu zeigen, dass er vor allem Künstler ist: Nicht nur zeichnet er für die Regie verantwortlich, er übernahm auch die Sprechrolle des Gouverneurs....
