Körperlos durch den Orkus
Der Himmel ist blau, Möwen ziehen schräg durchs Blickfeld, eine Frühsommerbrise weht über das Ij, die Binnenalster von Amsterdam. Du liegst am Kai in einem blendend weißen Bett, neben dir eine sommersprossige Schöne, die dir Geschichten ins Ohr raunt ‒ von Kindern, die nachts aufwachen und ihre Eltern suchen, von der Hoffnung auf Glück und der notwendigen Enttäuschung. Und während du noch darüber nachdenkst, ob du selbst gemeint sein könntest, ist deine Zeit um, und der Nächste wartet auf seine Geschichte.
In Amsterdam, beim Holland Festival, ist auch das Bettgeflüster ein Kunstakt ‒ auf einer Hafenpier, in der U-Bahn oder mitten auf dem belebten Dam vor dem Königsschloss. Der argentinische Theatermacher Fernando Rubio legt uns in seiner Aktion «Todo lo que está a mi lado» (Alles an meiner Seite) zu Schauspielerinnen ins Bett. Und überhaupt erheben bei der 68. Ausgabe des Holland Festivals, das erstmals von einer Frau, der Schottin Ruth Mackenzie, geleitet wird, die Frauen vernehmlich ihre Stimme: als Verführerin wider Willen wie in Alban Bergs «Lulu» in der Inszenierung von William Kentridge (siehe OW 7/2015), als knallharte Geschäftsfrau aus China wie in Arnoud Noordegraafs neuer ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2015
Rubrik: Panorama, Seite 36
von Michael Struck-Schloen
Der Vorrat vernachlässigter Komponisten der französischen (Früh-)Romantik scheint unerschöpflich. Dass diese Epoche heute zunehmend wiederentdeckt wird, verdankt sich einem Geschmackswandel, der Heiterkeit, Eleganz und Ironie nicht mehr mit Oberflächlichkeit gleichsetzt. Viele Ausgrabungen gehen aber direkt auf das Konto der dieses Terrain systematisch sondierenden...
Lange war Houston Stewart Chamberlain (1855-1927) für die Forschung persona non grata. Man wollte mit dem Rassentheoretiker, der es im Wilhelminischen Reich zum Bestsellerautor brachte, die Ideologie des Wahnfried-Kreises um Cosima Wagner fermentierte und der schließlich von den Nazis zum «Seher von Bayreuth» überhöht wurde, nichts zu tun haben. Die einzige...
Welche Rolle passt besser zu Ihnen? Musetta oder Sophie?
Beide passen. Ich bin handfest wie Sophie. Sie hat ein gewisses Feuer, etwa wenn sie sich über den Ochs aufregt oder energisch mit ihrem Vater spricht – das habe ich mir übrigens auch mal erlaubt, als ich 15 war.
Und wie hat Ihr Vater reagiert?
«Wer bist du denn?», hat er gefragt. Darauf ich: «Ich bin Golda, wer...
