Vom Himmel durch die Welt zur Hölle
Zum Stichwort «Rasender Roland» befragt, empfiehlt das Internet eine auf Rügen verkehrende, schmalspurige (760 Millimeter) Dampfbahn - derweil es über den in Liebestollheit sich verausgabenden Ritter aus Ariosts Feder vergleichsweise knapp informiert. Der hier apostrophierte Gefolgsmann Karls des Großen fährt indes auf Geleisen verlorenen Liebesglücks: Er glaubt an das ganz große Gefühl zur heidnischen Prinzessin Angelica, die sich jedoch für den sarazenischen Soldaten Medoro entscheidet. Was Roland völlig aus der Spur bringt.
Teilweise nackend durch Feld und Flur marodierend, schlägt er dem Wahnsinn eine Schneise. Von seiner Raserei wird er indes vom britischen Prinzen Astolfo geheilt, der mit seinem Hippogryphen (einem geflügelten Pferd) zum Mond fliegt, wo sich alle Dinge befinden, die auf Erden verloren gingen. Dort entdeckt der Edelmann in einer Flasche auch Rolands Verstand und retourniert ihn seinem Besitzer.
Das alles geschieht auf der Folie des Kriegs zwischen Karl dem Großen und dem Sarazenen Agramante. Es geht aber auch um die Story der Adelsfamilie Este, in deren Dienst Ariost stand (er widmete das Werk dem Kardinal Ippolito d’Este); der Dichter diente den Estes einen Stammbaum an, der auf wichtigen Figuren des Epos basierte und sich sogar auf den mythischen Hector von Troja bezog. Soviel zum historischen Background des «Furioso» benannten Albums, besungen vom virtuosen spanischen Countertenor (Stimmlage Alt) Xavier Sabata. Auf dem Cover lässt der Sänger seine Gesichtszüge per Photomontage detonieren, was zur Situation des furiosen Ritters passt und zugleich die gegenwärtige Weltpolitik in ihren intellektuell arg verkürzten Perspektiven abbildet. Wir dürfen annehmen, dass Sabata visuell ein Statement zur aktuellen Tatsache abzugeben suchte, dass Zähnefletschen Stärke vortäuscht, wo doch nur erbarmungswürdige Hohlheit herrscht. Und wohl kein Geist in der Flasche zum Happy End beiträgt.
Die Story von Orlando und Angelica inspirierte den Text-Dichter Metastasio und in Folge auch zahlreiche Komponisten. Deren Arbeiten brachten extreme, so schöne wie verrückte Seelendarstellungen ins Spiel, zu erleben auch in Sabatas Recital – wobei die hier vermittelte Tonkunst nicht auf die uns gewohnte, direkte Weise Eindruck macht. Zu Barockzeiten versuchten Komponisten ja nicht, mit ihrer Musik unmittelbar zu wirken, sondern die gewünschten Affekte mittelbar, über die Formeln der Affektenund Figurenlehre, auszulösen. Was nicht bedeutet, dass ihre Schöpfungen emotional grosso modo am Hörer vorbeigingen. Die Wirkung hängt freilich nicht zuletzt vom Interpreten ab. Und hier vermag Sabata durchaus, die Teichoskopie dieser Affektenlehre und deren figurale Ausschweifungen in ganz persönliches Erleben umzuwandeln – hier beobachtet einer das Geschehen sozusagen aus der Distanz, weint aber dennoch Tränen der Trauer und der Wut mit dem Protagonisten; da gellt zwischendurch auch das hämische Lachen von Schadenfreude und Rache.
In Sabatas Auswahl von Szenen und Arien aus Orlando-Angelica-Opern finden sich die Namen Händels, Vivaldis und Porporas ebenso wie jener des zum Wiener «Hofcompositeur» aufgestiegenen Grazers Johann Joseph Fux (1660–1741), mit insgesamt vier Takes ein Zentrum des Albums – allesamt Erstaufnahmen. Mit vier Nummern ist auch der Venezianer Agostino Steffani (1654–1728) vertreten, dessen Karriere zu einem guten Teil in Deutschland stattfand, zunächst als Komponist – etwa an den Höfen von München und Hannover –, später auch als Diplomat und römisch-katholischer Geistlicher. In Hannover wurde 1691 auch seine Oper «Orlando generoso» uraufgeführt.
Sabata bewältigt den Weg vom Himmel durch die Welt zur Hölle und zurück mit virtuosem, biegsamem und wohltönendem Alt. Vorbildlich gelingen ihm die «Schmankerl» wie das von Händel auf Senesinos Stimme zugeschnittene «Già l’ebbro mio ciglie» aus «Orlando» (1733), sowie Vivaldis Hit «Nel profondo cieco mondo» aus «Orlando furioso» (1727). Die instrumentale Begleitung obliegt dem vorzüglichen Ensemble «Le Concert de l’Hostel Dieu» unter Franck-Emmanuel Comte, welches – vielleicht nicht ganz im spirituellen Einklang mit seinem Titel als «Gottes Herberge» – Ritter Rolands Rasereien superb ausspielt.
FURIOSO
Xavier Sabata; Le Concert de l’Hostel Dieu, Franck-Emmanuel Comte
Aparté, EAN 5051083228909 (CD); AD: 2025
VERLOSUNG Am 13. August um 10 Uhr verschenken wir 5 Exemplare dieser CD an die ersten Anrufer: 030/25 44 95 55
Opernwelt August 2026
Rubrik: Medien, Seite 43
von Gerhard Persché
Georges Bizets «Carmen» ist vielleicht das am gravierendsten verkannte Repertoirestück. Seit 1908 sind weit über 200 Gesamteinspielungen erschienen. Keine einzige wird dem Geist dieser «Operette mit tödlichem Ausgang», wie Bizet selbst sein Werk nannte, gerecht. Auch der Versuch zweier renommierter französischer Institutionen, des Palazzetto Bru Zane und der Opéra Royal du Château de...
Possierliche Tierchen sind das, die da durch Pekings Gassen krabbeln. Eigentlich. Aber sie sind nicht echt, sondern KI-generiert. Und kreuzgefährlich. Wie gefährlich, stellt sich erst am Ende des Abends heraus (dazu gleich mehr), aber man gewinnt schon früh den Eindruck, dass diese Kreaturen aus Metall mit den blau und grün glühenden Augen und den drahtigen Beinen weder für den Himmel...
Theo Adam hatte einen prächtigen Charakterkopf, der ihn vielleicht auch für Film und Fernsehen prädestiniert hätte. Und tatsächlich hatte er im DDR-Fernsehen seit 1977 bis nahe an dessen (und des zugehörigen Staates) Ende eine eigene Sendereihe, in der er vor prunkvollen Kulissen sowohl prominente Kollegen als auch Nachwuchstalente vorstellte und damit, wie Jan Brachmann schrieb, «einem...
