Das entfesselte Barocktheater
Es gibt programmatische Konzepte, deren Formeln man als Adressatin für Pressemitteilungen seit Langem schon auswendig aufsagen kann. Die (Kultur-)Politik scheint immer gleich formulierte Absichtserklärungen zu lieben, sonst würden sie nicht allerorten wiederholt. Zu den beliebtesten Floskeln dieser angewandten Lyrik zählt es, sich zu öffnen für ein jüngeres und diverseres Publikum. Oder ein Theater oder Festival in die Stadt hineinzutragen. Alle wollen das. Aber wenn man ehrlich ist, gelingt es den wenigsten.
Das mag zum einen daran liegen, dass die hehren Absichten beim erwünschten neuen Publikum häufig gar nicht erst ankommen. Zum anderen riskiert man, mit Verstellung und Anbiederei eben jenes neue Publikum zu verärgern oder das alte zu vergraulen. Glücklich ist, wer mit Neuem nichts retten muss, sondern bereits Erfolgreiches steigern darf. In dieser Situation hat Florian Amort im vergangenen Jahr kurzfristig von dem überraschend verstorbenen Bernd Feuchtner die Leitung der Händel-Festspiele Halle übernehmen müssen, inklusive dessen fertig konzipierten Programms. Das größte Festival Sachsen-Anhalts ist eine feste Konstante im Kalendarium der internationalen Gemeinde der ...
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Opernwelt August 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Regine Müller
Was das Werk sei? Das Angebot an Deutungsmöglichkeiten ist immens: Für den Komponisten war es zunächst einmal ein «Schmerzenskind, in Kummer und Sorgen während des Krieges vollendet», sodann «die letzte romantische Oper», ganz und gar «unwagnerisch». Sein Textdichter wollte für die «Frau ohne Schatten» eine «aphoristische Ethik» verankern und wählte als Motto einen...
Den Anachronismus jedweder Aufführung von Musik, die mehr als zwei, drei Generationen alt ist, demonstriert verblüffend, irritierend – jedenfalls viele Fragen aufwerfend – der Countertenor Jakub Józef Orliński mit seinem Album «if music…». Unter der Prämisse stilistischer Kohärenz hebt er radikal die Wahl der Mittel auf.
Zunächst scheint die Begleitung eine...
Das Diaghilev-Festival in Perm steht unter dem unerbittlichen Zwang, sich stets an der eigenen Vergangenheit messen zu lassen. Besucher wie Akteure zehren von Erinnerungen: Die Nostalgie an jene Blütezeit ist noch allgegenwärtig, als man auf den Straßen Romeo Castellucci, Robert Wilson oder Gerard Mortier begegnete und Perm – durchaus berechtigt – den Status als...
