Das entfesselte Barocktheater
Es gibt programmatische Konzepte, deren Formeln man als Adressatin für Pressemitteilungen seit Langem schon auswendig aufsagen kann. Die (Kultur-)Politik scheint immer gleich formulierte Absichtserklärungen zu lieben, sonst würden sie nicht allerorten wiederholt. Zu den beliebtesten Floskeln dieser angewandten Lyrik zählt es, sich zu öffnen für ein jüngeres und diverseres Publikum. Oder ein Theater oder Festival in die Stadt hineinzutragen. Alle wollen das. Aber wenn man ehrlich ist, gelingt es den wenigsten.
Das mag zum einen daran liegen, dass die hehren Absichten beim erwünschten neuen Publikum häufig gar nicht erst ankommen. Zum anderen riskiert man, mit Verstellung und Anbiederei eben jenes neue Publikum zu verärgern oder das alte zu vergraulen. Glücklich ist, wer mit Neuem nichts retten muss, sondern bereits Erfolgreiches steigern darf. In dieser Situation hat Florian Amort im vergangenen Jahr kurzfristig von dem überraschend verstorbenen Bernd Feuchtner die Leitung der Händel-Festspiele Halle übernehmen müssen, inklusive dessen fertig konzipierten Programms. Das größte Festival Sachsen-Anhalts ist eine feste Konstante im Kalendarium der internationalen Gemeinde der ...
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Opernwelt August 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Regine Müller
Das Grauen in Güllen trägt Grau. Doch keineswegs so offensichtlich bedrohlich wie die grauen Herren in Michael Endes «Momo». Die Bewohner der heruntergekommenen Kleinstadt (Bühne: Heike Vollmer) mit dem vielsagenden Namen halten ihre Individualität so hoch wie ihre spießbürgerliche Anständigkeit. Jedenfalls sind sie entrüstet, als die in jungen Jahren aus ihren...
Entrückte Seelen? Gibt es, zumindest im Kontext eines unerschütterlichen Glaubens. Didymus, jener römische Offizier, den die Liebe zur tugendhaften Theodora schier überwältigt hat, obwohl die weltentsagende Christin nach herrschender Doktrin auf der «falschen» Seite steht, schwört auf die Kraft einer spirituellen Macht, die selbst reale physische Gewalt zu...
Sucht man nach den sogenannten Schlüsselwerken aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die das Denken über die Gattung wie das Hören selbst nachhaltig verändert haben, kommt man an Bernd Alois Zimmermanns Oper «Die Soldaten» nicht vorbei. Ein megalomanes, mammutgleiches, fast mystisches Stück, maßlos in vielerlei Hinsicht, steht es in der...
