Verschmelzungsprozess
Wer eine zyklische Aufführung von Richard Wagners «Der Ring des Nibelungen» besucht hat, kennt sicher das Gefühl: Von Abend zu Abend wird man stärker in das Geschehen auf der Bühne hineingezogen. Die Figuren des Weltendramas erscheinen einem immer vertrauter: Wotan, Fricka, Brünnhilde, Siegmund und Sieglinde, Siegfried und Brünnhilde – alles gute Bekannte. Selbst die Finsterlinge aus Nibelheim, Alberich oder Mime, gewinnen allmählich an Sympathie, sind schließlich auch nur Menschen, die für ihre Herkunft nichts können.
In Bayreuth steigert sich diese wachsende innere Anteilnahme des «Ring»-Besuchers noch durch die Aura des Ortes. Man begrüßt die Nebensitzenden, auch das Ehepaar dahinter und den Mann mit dem Schottenrock vor einem. Alle scheinen irgendwie Mitwirkende der Handlung zu sein – schließlich sind die Themen, die da auf der Szene verhandelt werden, zeitlos: Liebe, Macht, Verrat, Geburt und Tod, Geldgier, kurzes Glück und tiefer Fall. Zyklische «Ring»-Aufführungen befördern die Kommunikation aller mit allen. Ein psychischer Verschmelzungsprozess.
Diese innige Vereinigung eines Theaterspiels mit dem Zuschauer gewinnt an Intensität, je weniger der einzelne ...
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