Verschmelzungsprozess
Wer eine zyklische Aufführung von Richard Wagners «Der Ring des Nibelungen» besucht hat, kennt sicher das Gefühl: Von Abend zu Abend wird man stärker in das Geschehen auf der Bühne hineingezogen. Die Figuren des Weltendramas erscheinen einem immer vertrauter: Wotan, Fricka, Brünnhilde, Siegmund und Sieglinde, Siegfried und Brünnhilde – alles gute Bekannte. Selbst die Finsterlinge aus Nibelheim, Alberich oder Mime, gewinnen allmählich an Sympathie, sind schließlich auch nur Menschen, die für ihre Herkunft nichts können.
In Bayreuth steigert sich diese wachsende innere Anteilnahme des «Ring»-Besuchers noch durch die Aura des Ortes. Man begrüßt die Nebensitzenden, auch das Ehepaar dahinter und den Mann mit dem Schottenrock vor einem. Alle scheinen irgendwie Mitwirkende der Handlung zu sein – schließlich sind die Themen, die da auf der Szene verhandelt werden, zeitlos: Liebe, Macht, Verrat, Geburt und Tod, Geldgier, kurzes Glück und tiefer Fall. Zyklische «Ring»-Aufführungen befördern die Kommunikation aller mit allen. Ein psychischer Verschmelzungsprozess.
Diese innige Vereinigung eines Theaterspiels mit dem Zuschauer gewinnt an Intensität, je weniger der einzelne ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Inwieweit Carl Eberts Mozart-Inszenierungen, mit denen die Festspiele in Glyndebourne in den dreißiger Jahren eingeleitet und schlagartig berühmt wurden, einem kritischen Blick von heute standhalten würden, lässt sich aus Mangel an Filmdokumenten nicht sagen. Doch dass die musikalischen Interpretationen Fritz Buschs über Jahrzehnte ihren maßstäblichen Charakter...
Wer den optischen Overkill des überbordenden Bayreuther «Parsifal» von Christoph Schlingensief noch im Kopf hat, atmet erleichtert auf bei diesem drei Akte lang nur wenig variierten Bunker und der stilisierten Regie von Nikolaus Lehnhoff in der Aufzeichnung des «Parsifal» aus Baden-Baden. Der Gral als weißer Spalt in einer gewölbten Wand, durch den die Grals- als...
Keinen Zweifel lassen der kanadische Dirigent Yves Abel und Stephen Medcalf, in vielen Inszenierungen ein Meister der psychologisch raffinierten Aussparung, an der Brutalität der Novelle Mérimées, die von Bizet keineswegs in jenen süßlichen Kitsch pseudospanischer Folklore übersetzt wurde, wie eine lange (schlechte) Tradition es gern sieht. Bizet komponiert Szenen...
