Verlorene Illusionen
Wenn der Vorhang aufgeht, betritt eine Frau in bodenlangem Rock die verwaiste, sparsam bebilderte Bühne. Es ist die verwitwete Gutsbesitzerin Larina, mit einem Köfferchen in der Hand, in dem sich die Erinnerungsstücke ihres Lebens befinden. Sie alle werden eine Rolle spielen – vor allem Puschkins Versroman «Eugen Onegin», der später in zahllosen Exemplaren herumliegt und weitergereicht wird.
Larina hat ihn in ihrer Jugend verschlungen, jetzt tut es ihre schwärmerisch veranlagte Tochter Tatjana, während die alte Amme Filipjewna Marmelade einkocht und sich Tatjanas jüngere, lebenslustige Schwester Olga an den Gesängen der Dorfbewohner erfreut. Allgegenwärtig wie das rote Buch ist auch die chromatisch abfallende Sequenz, mit der das Vorspiel einsetzt – im Tonfall elegischer Melancholie und fiebriger Erregung, der die Selbstaussprache wie die kruden Dialoge der Hauptfiguren auf eine Weise begleitet, dass man meint, unentwegt dieselben Klänge zu hören.
Sonja Trebes hat genau hingehört, sie inszeniert diese Ausweglosigkeit einer Oper ohne äußere Dramatik. Was wir sehen, ist das Psychogramm eines Seelendramas, der Ablauf eines kreisförmigen Geschehens, das keine zielgerichtete ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2023
Rubrik: Panorama, Seite 54
von Uwe Schweikert
Vor Beginn der «eigentlichen» neuen Bregenzer Inszenierung von Jules Massenets Goethe-Vertonung «Werther» erleben wir die Realisierung eines Theaterkniffs, der einem häufig schon halbgar vor die Flinte gekommen ist: Vor dem Vorhang wird zunächst ein Text verlesen. Regisseurin Jana Vetten aber überführt dieses Konzept auf attraktive Weise ins Interessante. Denn der...
Das sagt sich nicht», antwortet sein Mentor Gurnemanz dem reinen Toren Parsifal, als dieser wissen will, wer oder was denn der Gral nun sei. Jenseits seines eigenen Textbuchs aber ist Richard Wagner ungleich auskunftsfreudiger und bezieht sich auf «die Trinkschale des Abendmahles, in welcher Joseph von Arimathia das Blut des Heilands am Kreuze auffing». Das heilige...
Kaum ein Werk des italienischen Repertoires steht wohl derart unter kritischem Regiebeschuss wie «Aida». Lange bevor sich eine junge Generation gebärdete, als hätte sie die Verbrechen des Kolonialismus entdeckt, er -regte Verdis für Kairo geschriebene Quasi-Grand-Opéra einiges Unwohlsein, weil sie Imperialismus nicht nur thematisierte, sondern selbst kulturellen...
