Vergessene Wendestücke
Die Bühne erlebte die Revolution schon vier Jahrzehnte vor der Zeit. Vom Sturm auf die Bastille, die das Ancien Régime der französischen Aristokratie aus den Angeln heben sollte, träumten Mitte des 18. Jahrhunderts nicht einmal jene Aufklärer, die das Ohr am Mundwerk des Volkes hatten und alle Pomade aus Sprache und Künsten zu pusten trachteten.
Zweifellos war die von den Enzyklopädisten vom Zaum gebrochene querelle des bouffons, also der Frontalangriff auf die Lufthoheit der tragédie lyrique Lully’scher und Rameau’scher Provenienz, so etwas wie ein Vorklang der politischen und sozialen Umwälzungen, die die grande nation bald gründlich aufmischte. Jean-Jacques Rousseau, der neben Diderot, d’Alembert und Melchior Grimm energischste Wortführer dieser an italienischen Intermezzi (zumal an Pergolesis «La serva padrona») orientierten Opernreform, hatte sogar selbst ein Intermède komponiert, das den Weg in die Zukunft weisen sollte: «Le Devin du Village». Im Oktober 1752 wurde das Werklein uraufgeführt, paradoxerweise am Hof von Fontainebleau. Die Botschaft dieses «Dorfwahrsagers» dürfte dem blaublütigen Publikum (trotz entschärfter Rezitative) kaum gefallen haben: Das Glück geht von ...
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Vilnius’ Renaissance-Schloss ist eine Baustelle. 2009 feiert Litauen das tausendjährige Jubiläum seiner ersten Erwähnung. Seit 1636 wurden hier Opern aufgeführt. Das heutige Opernhaus stammt von 1974 und erinnert mit seinen riesigen Glasfoyers, die den Blick spektakulär zum Neris-Fluss und zur Stadt hin öffnen, an eine Kreuzung aus Frankfurter Oper und Palast...
Es waren starke Worte, die die Hamburger anno 1728 von der Bühne ihres Opernhauses zu hören bekamen: «Adel ohne Tugend Zier / kommt mir wie ein Storchnest für. / Denn auf hoher Bäume Wipfeln / und der höchsten Häuser Gipffeln / hat der Storch zwar sein Quartier / Übrigens hingegen tauget / gar zu nichts das ganze Tier.» Deutlicher als in dieser Arie des Rates...
Erlöste Welt, kristallklar
Hartmut Haenchen entdeckt an der Pariser Opéra Bastille Wagners «Parsifal» neu
Wagner, sagt Hartmut Haenchen, tickte deutlich schneller, als dessen durch wagnerianische Fürsorge gefestigter Ruf uns heute glauben macht. Schon für seinen Amsterdamer «Ring»-Zyklus hatte der Dresdner Dirigent die Originalquellen studiert – und zwar nicht nur...
